„Innerlich wusste ich, dass ich Hilfe brauchte.“

Marie trägt ein geblümtes Kleid, ihr langes Haar hat sie zu einem strengen Knoten zusammengebunden. Sie wirkt glücklich. Nur ein bisschen müde, die Nacht war lang. „Seit einer Woche mache ich fast nur noch Party – schließlich habe ich gerade mein Abi hinter mir.“ Noch vor zwei Jahren wog sie fast die Hälfte und ging nie aus, vor allem weil sie die Kalorien im Alkohol fürchtete. Heute ist ihre Figur sehr weiblich. „Jetzt kann der Ernst des Lebens beginnen“, sagt Marie grinsend. Dann beginnt sie zu erzählen – von der Zeit vor zwei Jahren, als sie noch nicht so optimistisch war. Maries Eltern sind getrennt. Sie lebt bei ihrer Mutter in Münster. Hier geht sie ihrer großen Leidenschaft nach, dem Ballett – und verfolgt einen ehrgeizigen Traum. „Ich wollte den Tanz zu meinem Beruf machen. Also trainierte ich hart, irgendwann sogar etwa sechs Stunden täglich.“ Auch strenge Diät gehört dazu, doch ihre Mahlzeiten werden immer weniger und sie wird immer drahtiger. Als sich das Verhältnis zur Mutter verschlechtert, zieht sie zu ihrem Vater nach München. Hier eskaliert die Situation. Die neue Stadt, die Schuldgefühle gegenüber ihrer Mutter und die hohen Ansprüche der neuen Ballettlehrerin belasten sie. Sie steigert sich in einen Kontrollwahn, der auch ihrem Körper gilt. Marie isst fast nichts mehr und treibt exzessiv Sport. Sie fühlt sich dick und redet sich ein, dass Profi-Tänzer auch so Diät halten. „Ich hatte schon vor einer einzigen Nudel Angst.“ Ihr Zustand macht auch ihrer Familie Sorgen. Ihr Vater verbietet ihr den Sport. Doch heimlich trainiert sie weiter. Bis ihr ein Arzt sagt, dass sie nie Kinder bekommen kann, wenn sie so weitermacht. Das ändert alles. „Innerlich wusste ich ja, dass ich Hilfe brauchte. Aber dass meine Sucht nicht nur meine Gegenwart, sondern auch meine Zukunft veränderte, war mir nicht klar.“ Mit ihrem Arzt vereinbart Marie, dass sie es zu 53 Kilo bei 1,70 Meter Körpergröße bringen wird. Erst während der Therapie wird ihr das Ausmaß der Krankheit bewusst: „Auf Fotos sah  ich zum ersten Mal, wie abgemagert ich war.“ Kontrolle ist ihr noch immer wichtig. Sie nicht zu haben, macht Marie nervös. Besonders, wenn es ihre berufliche Zukunft betrifft. Marie hat sich für Soziologie an einer Uni am Bodensee beworben. „In der Therapie wurde mir sehr geholfen. Das will ich später zurückgeben. Mit Menschen zu arbeiten, liegt mir auch sehr.“ Nach dem Studium möchte sie Unternehmensberaterin werden, zuvor gerne im Ausland studieren, am liebsten in Schottland. Doch erst heißt es warten, auf die Zusage, die sie sich für ihre Zukunft so wünscht. Vorher steht erstmal der Abiball an, für den sie sich selbst ein Kleid näht: „Cremefarben mit blauer Spitze.“ Und ihre Krankheit? Die hat sie im Griff – und nicht umgekehrt.

Foto: Johannes Mairhofer

von: Gast