Ab in die Nacht
reif-Autorin Bebero hat getanzt – zu Musik von Azari & III. Vorher standen die Bandmitglieder Christian, Alphonse und Cedric ihr aber noch Rede und Antwort und erzählten von ihrem Debut-Album, was sie antreibt und wie die Band entstand.
Ich stehe backstage im Kölner Club „Bahnhof Ehrenfeld“, bin ein bisschen aufgeregt und warte auf Azari & III. Das Quartett um die Produzenten Christian Farley und Alphonse Lanza sowie den Sängern Fritz Helder und Cedric Gasiada tourt gerade mit der recommends Tour von Electronic Beats, dem Musik-Programm der Deutschen Telekom, durch ganz Deutschland und macht auch am Rhein Halt. Was der heutige Abend wohl bringen wird?
Der Clubexport aus Toronto wird nämlich als heißer Newcomer der Elektroszene gefeiert und ich bin gespannt, ob die Liveshow hält, was alle Kritiken lobend versprechen. Ausgehungert kommen Christian, Alphonse und Cedric dann auch endlich von einem anderen Interviewtermin zurück. Nur Fritz fehlt. Er hat sich eine Augenentzündung zugezogen. Während die drei sich über das äthiopische Catering hermachen, erhält Cedric eine SMS von Fritz. Er ist in Gedanken bei ihnen und erwartet die Band in Berlin. Alles klar. Dann kanns losgehen.
reif: Mit eurem Debut-Album bringt ihr den Musikstil House wieder zurück in die Clubs. Was motiviert euch dazu?
Christian: Wir wollen House-Musik nicht nur einfach zurück in die Clubs bringen, wir wollen House neu erfinden! Außerdem ist House auch nur ein Teil unserer Musik.
Alphonse: Genau. Wir wollen gefühlvolle Musik zu machen, die dir in den Körper fährt. House ist da eine zu enge Kategorie. Unsere Songs haben so viele Einflüsse: Blues, Rock 'n' Roll, Afro oder Esoterik.
reif: 2009 habt ihr mit „Hungry for the Power“ und „Reckless With Your Love“ bereits zwei Hits gelandet. Warum habt ihr dennoch so lange auf euer Debut-Album warten lassen?
Cedric: Wir hatten zunächst gar nicht vor, ein gemeinsames Album aufzunehmen. Einige gemeinsame Freunde meinten, wir sollten mal was zusammen starten. Da fingen wir an, jeden Dienstag und Donnerstag zusammen im Studio abzuhängen. Wie wir als Band zusammen fanden, war ein sehr organischer Prozess.
Christian: Damals, vor drei Jahren, kannten wir uns kaum. Es hat mehr Zeit gebraucht, sich kennenzulernen, sich gegenseitig zu verstehen und ein Gefühl für den Work Flow der anderen zu entwickeln, als die Arbeit an dem Album selbst. Aber jetzt, nach zwei Jahren sind die Flitterwochen vorbei. Mit dem nächsten Album werden wir nicht so lange auf uns warten lassen.
reif: Was inspiriert euch?
Alphonse: Inspiration finden wir überall. Wir hören alles Mögliche und versuchen das Beste daraus aufzusaugen, Sachen von anderen, die uns inspirieren, weiterzuentwickeln, ohne nachzuahmen.
reif: Was motiviert euch?
Alphonse: Für mich gibt es einen gewissen Punkt, an dem alle Songs miteinander verbunden sind.
Dann kommt eine gewisse Stimmung, ein gewisses Gefühl in mir auf. Das ist wie eine Droge.
Cedric: Musik zu schaffen macht süchtig.
Christian: Bist du einmal auf den Geschmack gekommen, brauchst du nicht mehr viel zu schlafen oder zu essen. Du kannst von dieser Energie leben.
reif: Euer Album ist ein Dance Album, ganz klar. Wie wichtig sind euch aber die Texte?
Cedric: Uns ist es wichtig, dass unsere Texte etwas bedeuten.
Alphonse: Dabei hat eine Zeile viele unterschiedliche Bedeutungen. Jedes Mal, wenn du einen Song anhörst, kann er dir etwas anderes sagen. Das ist phantastisch.
Christian: Unsere Texte sind aus dem Alltag gegriffen. Ich denke, die Leute können sich mit unseren Texten identifizieren. Wir sprechen alles Mögliche an, lassen alles raus. Es entstehen ständig Songtexte, veröffentlicht oder unveröffentlicht. Das ist dieses Pete-Doherty-Ding: Wir schreiben unsere Eindrücke ständig auf.
reif: Welche Rolle spielt Improvisation in eurer Live-Show?
Cedric: Christian und Alphonse starten immer mit einem improvisierten Intro. Es ist immer anders.
Alphonse: Wir geben uns einfach der Stimmung in dem Moment hin. Wir arbeiten mit vielen unterschiedlichen Maschinen. Maschinen sind präzise. Da ist Improvisation das spannende Moment.
Das ging schnell – denn jetzt gleich geht es schon los und wir alle wollen die Vorband „When Saints go Machine“ nicht verpassen. „Sie sind phantastisch. Wir sind froh, dass wir sie mit an Bord haben“, meint Cedric. Ich wippe im Takt, beneide den Sänger ein wenig um sein stylisches T-Shirt und habe eine musikalische Neuentdeckung gemacht.
Nach einer kurzen Pause, einem kleinen Bühnenumbau und einem grün-schimmernden Shot, den mir eine Freundin ausgegeben hat – eine Kreation des Hauses und meine zweite Neuentdeckung des Abends – ist es so weit. Die Azari & III Show beginnt. – Und in der Tat: Die Kritiken versprechen nicht zu viel. Bereits das ungewöhnlich lange Intro, das Christian und Alphonse improvisieren, lässt kein Tanzbein still stehen. Es ist eines jener Konzerte, bei denen die Menge ab der ersten Base-Line ausgelassen tobt. Als Cedric im rotem Lederblouson die Bühne betritt, uns durch rotgetönte Brillengläser anfunkelt und beginnt, die Hüften zu schwingen, verschmilzt die Menge zu einem heiteren, hedonistischen Haufen. Die Diskokugel rotiert, alles verliert sich in diesem Moment.
„I'm hungry for the Power...“ Auch wenn die Band mir eben erklärt hat, dass ihre Musik mehr als House ist, fühle ich mich doch kurz ins Chicago der 80er-Jahre, die Frühphase des Chicago House, zurückversetzt, als Cedric diese Zeilen ins Mikro singt. Doch wenige Beats später wird mir klar: Azari & III bringt Underground House zwar zurück in die Clubs, doch sie denken House-Musik gleichzeitig weiter.
Als Cedric dann die Bandmitglieder vorstellt, ist klar, das Konzert neigt sich dem Ende zu. Die Bühne füllt sich erneut mit Nebel. Ich nehme das Spektakel noch einmal genau in den Blick und resümiere: Die Newcomer sind keineswegs unerprobt. Christian und Alphonse legen souverän Hand an die Maschinen. Jeder Dreh am Synthesizer sitzt. Kein Wunder. Die beiden bewährten sich unter dem gleichen Bandnamen bereits mit Remixen für Munk, Uffie und Health. Und wenn Cedric über die Bühne fegt, merkt man ihm die professionelle Tanz- und Gesangsausbildung an.
Nach drei Stunden Tanzvergnügen trete ich berauscht von den treibenden Beats aus dem Club. In meinem Kopf rotiert die House-Hymne des Jahres: „Into the Night“.
Foto: Peyman Azhari
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