Alina, 17
Kaum habe ich den Raum betreten, fühle ich den Schulalltag: Tafel, Tische, Stühle und natürlich Schüler. Oder vielmehr Schülerinnen. Ich bin im Mädchengymnasium Borbeck (MGB) in Essen. Hier soll also eine App für das iPhone entstehen? Sowas wie „Doodle Jump“? Oder „Facebook“? Ich zweifle ein bisschen daran. Die beiden Dualen Studenten Max, 20, und Alexander, 20, zeigen fünf jungen Mädchen, wie man Apps programmiert. Als ich davon hörte, kam sogar mir das Vorurteil in den Sinn: „Frauen und Technik?“ Und das, obwohl ich ein Mädchen bin.
Hier im MGB schäme ich mich für das Vorurteil. Auf der Jahrestagung der Deutschen Mathematiker-Vereinigung wurde das Gymnasium als MINT-freundliche Schule ausgezeichnet. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Kein Wunder also, dass sich hier fünf Mädchen der elften Stufe finden, die Apps programmieren wollen. Ganz neu auf dem Gebiet MINT sind die Fünf dann auch gar nicht – das wird mir schon klar, als sie sich mir kurz vorstellen. Sie haben schon bei einigen Technik- und Informatik-Projekten an ihrer Schule mitgemacht, aber noch nie eine App programmiert. Das wollen ihnen Max und Alexander bei regelmäßigen Treffen beibringen. Dabei darf das Handyverbot am MGB mit Hingabe ignoriert werden.
Heute soll ein einfaches Beispiel den 16-jährigen Schülerinnen die Grundlagen des App-Programmierens zeigen. Ein Taschenrechner soll es werden. Jetzt dürfen die Mädels selber ran. Sie beginnen mit dem Design. Wenn man jetzt nur genau wüsste, wie so ein Rechner auszusehen hat! Zum Glück ist der Matheunterricht noch nicht allzu lange her und Julia holt ein Ansichtsexemplar hervor. Nach ein paar eher missglückten Entwürfen, hilft Alexander ihnen beim Designen. „Sieht doch schon nicht schlecht aus!“, stellt Tabea triumphierend fest – womit die „eigentliche“ Arbeit, das Programmieren, aber erst beginnt.
Auch für Alexander und Max ist das hier noch Neuland. Bevor sie mit dem Unterricht am MGB begonnen haben, hatten sie weder selbst eine iPhone-App programmiert, noch kannten sie die Programmiersprache. Zuerst haben sie sich also selbst alles Notwendige aneignen müssen. Jetzt geben sie das Erlernte direkt an
die Mädchen weiter.
Objective C heißt die Programmiersprache, deren Grundlagen die Mädchen schon in den vergangenen Stunden beigebracht bekommen haben. Jetzt geht es ans Eingemachte. Studenten wie Schüler werfen mit Zahlen und Buchstaben um sich und ich als Laie verliere schnell den Überblick. „Ein Taschenrechner ist noch relativ einfach im Vergleich zu dem, was ihr euch vorgenommen habt“, sagt Alexander.
Am Ende des Projekts werden die Mädchen nämlich eine vollkommen neue App konzipieren. Ursprünglich wollten Max und Alexander eine Anwendung für MINT-Berufe programmieren, aber die Mädchen waren anderer Meinung und stellten ihre eigene Idee vor, die die Jungen schnell überzeugte. Mir verraten sie allerdings noch nicht, was die App kann. Wenn sie fertig ist, wollen die sieben sie beim Girlsʼ Day vorstellen – einem Tag, an dem Schülerinnen Einblick in typische „Männerberufe“ bekommen sollen. Nur eines soll gesagt sein: Es geht um Denkanstöße. Die Grundidee ist gesetzt, nur über das Design diskutieren die Mädchen noch. Damit wäre wohl das Vorurteil, Frauen könnten nichts mit Technik anfangen, ein für allemal behoben.
Fotos: Sascha Kreklau
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