Anders

Aber doch normal. Fünf Leute lassen sich von ihren Handicaps nicht behindern.

Alexander, 24 + Autist + Philosophie

Heute bin ich als „Laberphilosoph“ bekannt – das war nicht immer so. Ich bin Autist und ich kann nicht sprechen. Deshalb galt ich bis zu meinem 14. Lebensjahr als geistig behindert und besuchte eine Förderschule. Diese Zeit fühlte sich an wie hundert Jahre Einsamkeit. Bis mir meine Lehrerin die „Gestützte Kommunikation“ gezeigt hat. Plötzlich konnte ich mit Hilfe eines Sprachcomputers und einer Personreden. Mein erster Satz nach der langen Isolation war nur Wortsalat, er sollte schreien: „Ich bin nicht geistig behindert!“ Zum Glück ist er gehört worden. Seitdem läuft alles bestens. Ich habe unzählige Reden, Artikel für eine Autisten-Zeitung und ein Theaterstück verfasst. Meinen Helfern verdanke ich es, dass ich als erster nichtsprechender Autist an eine Gesamtschule wechseln konnte. Dort habe ich mein Abi gemacht. Heute studiereich Philosophie und Germanistik. Akademikern hört man zu. Nichtsprechenden Autisten meistens nicht, obwohl sie viel zu sagen hätten. Mit meinem Studium versuche ich, Wegbereiter für andere Autisten zu sein. Egal, was danach kommt: Ich liebe Zukunftsmusik und freue mich schon auf die Mischung der lauten und leisen Töne.

Foto: Frank Dünzl

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Judyta, 22 + Querschnittsgelähmt + Journalismus

Als ich klein war, haben meine Eltern entschieden, dass ich in einen normalen Kindergarten gehen soll – trotz meiner angeborenen Querschnittslähmung. Danach war alles wie bei vielen anderen auch: Grundschule, Gymnasium, Abi und nun Studium. Im Gegensatz zu anderen bin ich dabei aber oft an meine körperlichen Grenzen gestoßen. In Schulpausen wurde Fangen gespielt, Seil gesprungen. Ohne mich. Aber es gab fast immer jemanden, der mal reden wollte und ich war selten allein. Und dann gab es da noch meine Geige: Die hatte mir meine Mutter in die Hand gedrückt, als ich noch ein Kind war. Bei den Orchesterproben brauchte ich meine Beine nicht. Es ging nur um die Musik. Dann kam das Abi, der Wendepunkt in meinem Leben kam direkt danach: Trotz Stipendium und wohlwollender Lehrer konnte ich nicht weiter auf hohem Niveau Geige spielen. Meine Hände waren durch die Krücken zu sehr belastet. Zum Glück gibt es noch etwas, das ich ebenso leidenschaftlich gerne tue: Schreiben! Deshalb studiere ich jetzt Online-Journalismus und will eines Tages mit Worten mein Geld verdienen. Wenn man es richtig macht, ist das fast so gut wie Musik.

Foto: Daniela Hillbricht

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Sarah, 19 + Diabetes + Dialogmarketing

Mit 14 wurde ich in der Schule gemobbt. Ich sei drogenabhhängig, haben sie behauptet – weil ich mich dreimal täglich spritzen musste. An einer Ganztagsschule bekommen das die anderen Schüler natürlich mit. Aber ich kannte es gar nicht anders. Schon als ich vier Jahre alt war, kam die Diagnose: Diabetes. Eine Zeit lang habe ich wegen dieser Gerüchte sogar aufgehört, mich zu spritzen, und musste ins Krankenhaus. Dank moderner Medizin ist mein Leben heute aber ganz normal: arbeiten, mit dem Hund raus, Freunde treffen. Per Insulinpumpe bekommt mein Körper durch einen Katheter das Hormon Insulin, damit der Blutzuckerspiegel nicht steigt. Klar, auf Torte und so verzichte ich weitestgehend. Ansonsten darf ich essen, was ich will, solange ich die Insulindosis anpasse. Aber nicht nur das: Mit der Zeit bin ich selbstbewusster geworden. Meine wahren Freunde sind für mich da – was andere sagen, ist egal. Und ich bin jetzt auch offener: Als Kauffrau für Dialogmarketing telefoniere ich den ganzen Tag mit fremden Menschen – und im Unternehmen interessiert es niemanden, ob ich eine Nadel im Bauch habe oder nicht.

Foto: Matthias Popp

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Konstantin, 25 + Gehörlos + Reisen

Nach meinem Abi wollte ich weg vom Alltagstrott, für ein Jahr nach Neuseeland. Eigentlich nichts Ungewöhnliches – nur bin ich seit meiner Geburt gehörlos. Meine Reise habe ich gut vorbereitet, habe Kontakt zu einem Gehörlosenzentrum in Down Under aufgenommen. Als es dann losging, war ich aber doch nervös. Eigentlich ohne Grund, denn alles war erstaunlich einfach. In einer Woche habe ich für Unterkunft und Essen auf einer Farm gearbeitet, in der nächsten das Fest zur Anerkennung der neuseeländischen Gebärdensprache als Amtssprache gefeiert. Aber natürlich gab es auch rabenschwarze Tage. Einmal ging mein Auto kaputt, ich hatte kein Geld mehr und keinen Ort zum Schlafen. Zum Glück hat mir eine Gehörlosengemeinschaft geholfen. Zurück in der Heimat studiere ich jetzt Gebärdensprache und BWL . Später möchte ich in der Linguistik arbeiten, denn die Gebärdensprachen sind erst wenig erforscht. Das muss sich ändern! Aber erstmal treibt mich das Fernweh wieder weg. Jetzt geht es nach Kenia, die Kultur und Gebärdensprache gehörloser Kinder dort kennenlernen. Ich will weitergeben, dass jeder etwas erreichen kann – auch ohne Gehör.

Foto: Matthias Popp

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Lucas, 22 + Klumpfuss + Schwimmen

Wenn ich schwimme, ist es, als würde ich ständig den Fuß anziehen. Seit meiner Geburt kann ich das rechte Bein nicht strecken und die Wade ist dünner – man nennt das Klumpfuß. Um das im Wasser auszugleichen, nutze ich meinen Oberkörper und trainiere viel, etwa 30 Stunden pro Woche. Für die Uni bleibt wenig Zeit. Ich studiere Volkswirtschaftslehre. Aber die Schwimmhalle ist mein zweites Zuhause. Als ich acht war, hat mir mein Arzt zum Schwimmen geraten: Bewegung im Wasser sei gut für meinen Rücken. Mit dem Sport kam dann auch die Leidenschaft für Wettkämpfe. Es spornt mich an, mich mit anderen zu messen – Behinderten und Nicht-Behinderten. Gerade arbeite ich auf die Paralympics 2012 hin. Letztes mal bin ich Vierter geworden. Das möchte ich toppen. Danach ist aber erst mal Schluss: Ich will mein Studium durchziehen.

Foto: Matthias Popp

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