Bei Anruf Mord

Anne hat Probleme am Arbeitsplatz. Nicht mit dem Arbeitsplatz selbst, sondern mit ihrer Verwandtschaft, die einfach nicht versteht, dass sie im Büro nicht ständig telefonieren kann.

Vor genau 39 Jahren wurde in New York das erste Telefongespräch mit einem Handy geführt. Damals war das noch eine große Freude. Ich, die heute zum gefühlt neununddreißigsten Mal von meiner Schwester angerufen wurde, freue mich schon weniger. Nicht dass ich es uninteressant finde, dass a) die Schuhe, die wir uns beide gekauft haben, bei ihr schon kaputt gehen, sie sich b) fragt, wie man eigentlich Tiramisu ohne Kaffee macht und mir c) unbedingt schnell mitteilen muss, dass ich sie heute Abend auf dem Festnetz zurück rufen soll, damit sie mir etwas wiiirklich Wichtiges in Ruhe erzählen kann. Das alles sind Informationen, die meine Schwester mir unmöglich erst nach meinem Arbeitsschluss erzählen kann. Denn wenn sich alle ihre weltbewegenden Meldungen über mehrere Stunden in ihr anstauen, ist ihr Platz-Risiko extrem erhöht, und das kann ja keiner wollen, am allerwenigsten ich, die Schwesterchen prinzipiell sehr sehr gern hat.

Nur ist es so, dass ich Vollzeit arbeite, aber leider mindestens die Hälfte meines Arbeitstages damit verbringe, genau diesen Sachverhalt in den Oberstübchen meiner Familie und Freunde zu verwurzeln: „Du, es ist gerade schlecht...“, versuche ich eine Freundin abzuwimmeln, die mich anruft, um detailverliebt die Großartigkeit ihres neuen Freundes zu erörtern. Sie überfährt mich mit einem „Dann spitz die Ohren, gleich wird's besser.“

Meine Mutter verfolgt die Taktik der negativen Über-den-Kamm-Scherung und behauptet einfach: „Ach, deine Kollegen telefonieren doch auch, die stellen sich nur schlauer an als du.“ Meines Kumpels erster Telefonsatz lautet stets: „Ich weiß, du bist auf Arbeit, aber es dauert nur fünf Minuten.“ – Was natürlich eine faustdicke Lüge ist. Aber sie alle werden getoppt von meiner halsstarrigen Schwester, die meine Hinweise bezüglich meiner Arbeitszeiten – ganz gleich ob dezent oder dem Hammerprinzip folgend – vehement ignoriert und einfach weiter und weiter und weiter redet.

Ich habe deshalb gerade einfach aufgelegt. Anders wusste ich mir nicht zu helfen. Auf der Suche nach irgendeiner Autorität, die meine plappernden Blutsverwandten stoppen kann, trage ich mein Handy ins Büro meiner Chefin. Sie soll den Fall jetzt übernehmen. Ich bin noch nicht zur Tür raus, da meldet mein Handy schon eine SMS. Von meiner Schwester. Warum ich denn so unfreundlich sei. Meine Chefin antwortet galant, dass sie jetzt die mobiltelefonische Führung übernommen habe, damit ich zur Abwechslung mal das tun darf, wofür ich eigentlich bezahlt werde. Prompt kommt eine wetternde Antwort, in der Schwesterchen über „unerlaubte Konfiszierung von Privateigentum“ und „Recht auf persönliche Freiheit am Arbeitsplatz“ referiert. Na super, jetzt ist sie richtig in Fahrt. Das wird mir mehrere Erklärungsnotstände und Nachfolge-Telefonate einbrocken. Von wegen das Einreißen von Kommunikationsbarrieren macht die Kommunikation leichter.

So weit meine Worte zum 39. Geburtstag des mobilen Telefonats.

von: Gast