Manchmal bin ich vor Erschöpfung einfach eingeschlafen. Mitten im Spiel mit meinem Sohn. Und trotzdem musste ich mich, nachdem ich ihn ins Bett gebracht hatte, noch hinsetzen und für die Berufsschule lernen. Es ist nicht einfach, Kind und Ausbildung gleichzeitig auf die Reihe zu bekommen. Aber für Colin habe ich mich sehr verändert. Ich bin viel erwachsener geworden. Schließlich will ich, dass er die richtigen Werte kennen lernt. Ich will ihm ein gutes Beispiel sein.
So habe ich das nicht immer gesehen. Als ich schwanger wurde, war ich gerade mal 20 und ziemlich in die Hardcore-Szene verstrickt. Dazu kam, dass mein Freund und ich uns gerade getrennt und den Kontakt abgebrochen hatten. Erst ein Jahr nach Colins Geburt habe ich seinen Vater übers Internet wiedergefunden und ihm von seinem Sohn erzählt. Jetzt zahlt er Unterhalt, kümmert sich aber sonst nicht um ihn.
Auch zu meiner Familie hatte ich damals so gut wie keinen Kontakt. Im fünften Monat musste ich meinen Eltern aber von der Schwangerschaft erzählen, da ich meine Geburtsurkunde brauchte, um Colin standesamtlich anzumelden. Meine Mutter hat sich damals ziemliche Sorgen gemacht, dass ich das nicht hinbekomme.
Mittlerweile hat sich der Kontakt zu meinen Eltern verbessert. Über einen ihrer Freunde habe ich sogar von der Ausbildung erfahren. Er ist Ausbilder bei der Telekom und meinte, die würden oft Mütter einstellen. Ich wollte diese Stelle unbedingt, aber mein Realschulabschluss war nicht der beste. Deshalb habe ich alles in das Vorstellungsgespräch gesetzt. Ich war so gut vorbereitet, ich hätte sogar den Aktienkurs der letzten drei Wochen skizzieren können. Durch einen Zufall sind mir meine Notizen aus der Tasche gefallen. Da meinte der Personalchef nur: "Ich wäre ja schön blöd, Sie nicht zu nehmen."
Der Job im Kundenservice ist mein Traumberuf. Aber am Anfang habe ich mir das alles leichter vorgestellt. Für die ersten zwei Ausbildungsjahre musste ich eine Tagesmutter engagieren, weil ich es oft nicht geschafft habe, Colin vom Kindergarten abzuholen. Außerdem hilft mir mein Bruder sehr. Wenn ich Spätschicht habe, kümmert er sich um Colin. Ich wollte bei der Arbeit nicht immer eine Extrawurst bekommen, nur weil ich alleinerziehende Mutter bin. Ich wollte behandelt werden wie jeder andere auch und es aus eigener Kraft schaffen.
Der Aufwand hat sich gelohnt. Bald bin ich mit meiner Ausbildung fertig und werde übernommen. In Zukunft muss ich dann nur noch in Frühschichten arbeiten. Das macht Colin mindestens so stolz und glücklich wie mich.
Foto: Frank Dünzl






