Interaktive Schnitzeljagd

Hochglanzbroschüren und Werbesprech waren gestern. Heute müssen Unternehmen sich mehr einfallen lassen, um Jugendliche zu begeistern. Die Telekom hat gerade eine große Internetkampagne gestartet, um über IT-Berufe zu informieren.

„ITler sind doch alle Nerds!“

Die Agentur elbkind hat die Kampagne konzipiert und gemeinsam mit ihren Partnern Kubikfoto³ und DIGITAGE umgesetzt. Im reif-Interview erzählen nun Maik Königs (elbkind, links im Bild) und Daniel Nagelschmitz (Deutsche Telekom AG, Recruiting & Talent Service, rechts im Bild) wie es zu der Zusammenarbeit gekommen ist und was sie sich dabei gedacht haben.


reif: Was ist das Ziel eurer Kampagne?


Daniel: Wir beschäftigen uns bei der Telekom schon lange mit der Zielgruppe Schüler. Wir wollen ihnen vor allem den Bereich MINT (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) und den Berufszweig IT näher bringen. Im Sommer hatten wir eine Veranstaltung an einer Kölner Schule zusammen mit unserem Vorstandsvorsitzenden René Obermann. Dort kam von einem Schüler die Aussage „ITler sitzen doch eh nur im Keller rum und bekommen ihr Leben lang von Mami die Wäsche gewaschen. Das sind doch alles Nerds!“ Und da haben wir gesagt: Hey, das ist ein Vorurteil, mit dem wir dringend mal aufräumen sollten. Weil wir bei der Telekom ja sehr viele ITler ausbilden und es einfach nicht stimmt, dass die keine Freunde und schon gar keine hübsche Freundin haben...


reif: Abgesehen davon, dass es ja auch Mädchen sein können.


Daniel: Ganz genau. Das ist noch so ein Vorurteil, das überhaupt nicht stimmt: dass Mädchen keine technischen Ausbildungen machen. Wir haben uns dann ein bisschen näher damit beschäftigt und hatten erst die Idee, das Thema „Mein Leben als Nerd“ parodistisch aufzuziehen, das zu überziehen, um eben zu zeigen: So ist es überhaupt nicht. Das war der Initialfunke.


Maik: Und dann kamen wir als Agentur ins Spiel. Wir haben eine Einladung zu der Ausschreibung bekommen und uns auf das Thema gestürzt. Unter anderem haben wir auch Schüler befragt, was für sie bei der Berufswahl wichtig ist. Und dann haben wir ein Gesamtkonzept für die Kampagne erarbeitet.


Daniel: Von unserer Seite war klar, dass das Thema Social Media und Internet eine große Rolle spielen sollte. Und natürlich war es uns wichtig, den Jugendlichen ein paar Dinge zu vermitteln: Was kann ich mit dem Bereich MINT anfangen? Warum ist das auch für Mädchen interessant? Und welche Möglichkeiten gibt es bei der Telekom als Arbeitgeber? Das oberste Ziel ist natürlich, neue Azubis und duale Studenten zu gewinnen. Aber wir weisen auch auf die Möglichkeiten hin, ein Praktikum bei uns zu machen oder nach der Ausbildung bei uns einzusteigen.


Maik: Das war übrigens eine der großen Herausforderungen bei der Kampagne: Diese unterschiedlichen Zielgruppen mit ihrem unterschiedlichen Interessen und Schwerpunkten anzusprechen. Wir wollten allen gerecht werden, uns aber trotzdem auf die Kernzielgruppe, nämlich Schüler, konzentrieren.


Daniel: Sehr wichtig war uns auch, die Jugendlichen sympathisch und authentisch anzusprechen, glaubwürdig zu sein. Darüber haben wir viel gesprochen. Wir wollten auf keinen Fall eine Hochglanzbroschüre fürs Internet machen. Die heutige Jugend lässt sich ja nicht für blöd verkaufen. Wir wollen einfach ganz offen und ehrlich sagen: So ist es bei uns, das könnt ihr bei uns machen, schaut doch einfach mal rein.


Hier kannst du dir den Clip zur Kampagne anschauen.

Ein individueller Dialog im Massenmedium

 


reif: Und wie sieht die Kampagne ganz konkret aus?


Maik: Die Grundidee war, dass die Kampagne sich durch Weiterempfehlung auf den sozialen Netzwerken verbreitet. Wir wollten weg von der klassischen Werbung, die einem immer wieder auf Plakaten und im Fernsehen begegnet. Stattdessen wollten wir was machen, das so cool ist, dass einfach darüber geredet wird – auf Facebook, in den VZs, egal wo. Im Grunde ging es darum, etwas zu schaffen, was für junge Menschen Relevanz hat und langfristig für Gespräche sorgt. Und nicht nur ein weiteres Plakat an die Wand zu schmeißen.


Die Kampagne besteht dabei aus zwei Kernelementen. Es gibt einen viralen Clip. Der soll die Zielgruppe erreichen und zu dem zweiten Element führen: zu der interaktiven Seite www.wissen-veraendert-alles.de.


Diese interaktive Plattform ist wirklich etwas Neues, was es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Stell dir vor, du kannst auf einer Internetseite in 3D durch die Telekom-Zentrale laufen, kannst mit dem Fahrstuhl in den zweiten oder dritten Stock fahren, kannst Mitarbeiter ansprechen. Aber das ist noch nicht alles. Du kannst dich auch Herausforderungen stellen, die dich z.B. erwarten, wenn du dich bei der Telekom bewirbst – in Form von kleinen Aufgaben und Spielen wird so der Berufsalltag erlebbar gemacht. Viel plastischer, als es beispielsweise eine Ausbildungsbroschüre vermag. Eins meiner Lieblingsrätsel: Du läufst in ein Büro, in dem eine Deutschlandkarte hängt, die aber leer ist. Auf der musst du dann alle Bundesländer  eintragen. Und dann auch noch die Hauptstädte. So was macht Spaß und vermittelt auch noch Wissen. Solche Aufgaben gibt es aus den Bereichen Mathematik, Technik, Fremdsprachen, soziale Kompetenz usw.


Das Ganze ist also eine Art interaktiver Schnitzeljagd durch das Telekom-Gebäude. Ziel ist es, in einen ganz bestimmten Raum zu kommen, dessen Tür sich aber erst öffnet, wenn man einen bestimmten Punktestand erreicht hat. Von dort an wird es dann sehr individuell. Denn aus diesem Raum kann man verschiedene Türen öffnen und den Weg ganz konkret in Richtung Karriere einschlagen – je nachdem, für welchen Bereich man sich eben interessiert: Ausbildung, duales Studium, Young Professionals...


Daniel: In dem Raum steht übrigens Marc Stefan Brodbeck, unser Vice President Recruiting & Talent Service, und begrüßt den Spieler. Da gibt es drei verschiedene Ansprachen – je nachdem, ob der Nutzer gut war, sehr gut oder eben nicht so gut. Wir wollen in dem Massenmedium Internet wirklich in einen Dialog treten mit den potenziellen Bewerbern, sie individuell ansprechen.


Maik: Die Spieler können auch ihre Spielstände abspeichern und später weiter spielen. Denn es gibt wirklich viel zu entdecken und es ist schon eine große Herausforderung, alle Rätsel zu lösen. Das macht man nicht mal eben in zehn Minuten. Außerdem bleibt die Seite nicht statisch. Wir können die einzelnen Räume immer mal wieder umgestalten, indem wir z.B. die Rätsel aktualisieren. Es wird also nicht so schnell langweilig. Die gesamte Maßnahme ist auf eine langfristig verfügbare Plattform ausgerichtet, die die Möglichkeit bietet, die Telekom und ihr Berufsumfeld spielerisch zu entdecken und bis zur Bewerbung an das Unternehmen herangeführt zu werden.


Beinahe täglich werden wir insbesondere in den ersten Wochen immer wieder Inhalte nachpflegen, neue Funktionen einbauen und weitere Ausbaustufen freischalten. Hier werden wir vor allem zuhören und nah mit dem Spieler zusammenarbeiten, um die Plattform nachhaltig zu optimieren.   


Hier kannst du dir den Clip zur Kampagne anschauen.

Azubis am Filmset

 


reif: Begegnet man in diesem Spiel auch echten Menschen?


Maik: Ja. Das Schöne ist: Ich kann nicht nur die Telekom als Arbeitgeber kennen lernen, sondern auch meine zukünftigen Kollegen. Denn die Menschen, die mir im Laufe des Spiels immer wieder begegnen, sind tatsächlich Mitarbeiter und Auszubildende aus dem Unternehmen, keine gecasteten Schauspieler. Und ich kann mich über sie auch informieren: Wer ist  diese junge Frau, die mir gerade eine Aufgabe gegeben hat? Was lernt sie bei der Telekom und wie gefällt ihr ihre Ausbildung?


reif: Wie viele Mitarbeiter spielen denn mit?


Daniel: Insgesamt etwa 30 Mitarbeiter und 20 Azubis und duale Studenten. Dazu kommen noch 50-60 Statisten.


Maik: Die Azubis waren übrigens ganz großartig. Die Arbeit an einem Filmset sieht ja oft so aus, dass man drei, vier Stunden rum sitzt und wartet, bis man endlich dran ist. Aber die waren wirklich alle sehr geduldig und haben sich fast wie Profis verhalten.


reif: Und wie lange hat der Dreh gedauert?


Maik: Wir hatten etwa 60 Drehstunden, verteilt auf fünf Tage. Und wenn wir schon bei Zahlen sind: Es sind weit über 6.000 Fotos produziert worden und mehr als 240 Videosequenzen. Die reine Programmierung der Plattform hat sechs Wochen gedauert.


reif: Die komplette Agentur war also damit beschäftigt?


Maik: Kann man fast so sagen. Insgesamt saßen bestimmt 15-20 Leute an der Kampagne.


Daniel: Für den Clip haben wir auch Fachleute aus dem Bereich Film beschäftigt. Den Regisseur zum Beispiel, Marvin Kren, der vor ein paar Wochen den Österreichischen Filmpreis gewonnen hat.


Maik: Genau. Der kommt gar nicht aus der Werbung, sondern ist ein richtiger Filmemacher, der Film- und TV-Produktionen macht. Unser Clip sollte ein bisschen mystisch angehaucht sein und darauf ist Marvin Krenn spezialisiert. Das Schöne war, dass er auch seine ganzen Leute mitgebracht hat. Das Sounddesign für den Clip hat z.B. eine Audio-Produktion aus Berlin gemacht, die auch die Musik für den Film Inglorious Basterds gemacht hat.


Hier kannst du dir den Clip zur Kampagne anschauen.

„Ein bisschen mystisch, ein bisschen dunkel“

 


reif: Wie sieht der Clip genau aus?


Daniel: Der Nutzer wird mit einem Link auf Youtube geleitet, z.B. über eine E-Mail oder Facebook. Er kommt dann auf eine ganz normale Youtube-Seite, wo erst mal für ein bis zwei Sekunden ein ganz normales Video anläuft. Und dann geht es los: Die Seite fängt an zu flattern, man hört komische Geräusche, es wird ein kryptischer Text eingeblendet und dann zerbricht die ganze Seite.


Maik: Das ist eine Sonderwerbeform auf Youtube, die nicht sehr verbreitet ist. Das liegt daran, dass das nicht jeder machen kann, wenn er nur genug Geld bezahlt. Sondern man muss Youtube ein Konzept schicken und die entscheiden dann wirklich im Einzelfall, ob sie das cool finden und auf ihrer Seite haben wollen. Und unser Konzept hat sie eben überzeugt.


Wir haben ja Jugendliche befragt, was sie anspricht. Und dabei kam raus, dass viele auf Geschichten stehen, die leicht mystisch um die Ecke kommen, ein bisschen dunkel, ein bisschen scary – ohne dass es gleich ein Horrorstreifen wird. Und dann haben wir uns von einem Trailer mit der Saw-Puppe inspirieren lassen, der mal auf Youtube lief. Wir haben für unseren Clip auch eine Bauchredner-Puppe geschaffen, die den Zuschauer direkt anspricht. Der Nutzer soll den Eindruck bekommen, er hätte diesen Clip völlig unaufgefordert auf mysteriöse Weise bekommen. Die Puppe fordert ihn heraus, ein Spiel zu spielen. Seine Aufgabe ist es, die Puppe zu finden – nämlich im Telekom-Gebäude, wo sie auch tatsächlich versteckt ist.


Daniel: Dass es bei dem Spiel um die Telekom geht, wird allerdings noch nicht verraten. Das ist dann der Überraschungseffekt, wenn man auf die Seite www.wissen-veraendert-alles.de kommt.


Maik: Wenn ich von einem Unternehmen positiv überrascht werde, ist die Wahrscheinlichkeit ja auch größer, dass ich das weiterleite und sage: Guck mal, was die gemacht haben – hätte ich nie gedacht!


Daniel: Diese Herangehensweise ist – gerade für die Telekom – natürlich schon ein bisschen mutig. Deshalb sind wir sehr glücklich, dass wir das auch bei den internen Gremien durchbekommen haben.


Maik: Wir wollten mit der Kampagne ja auch zeigen: Die Telekom ist innovativ. Die machen Sachen, die eben nicht jeder macht. Deshalb haben wir keine Standard-Flash-Seite gebaut, sondern Techniken benutzt, die noch ganz neu sind. Und was wirklich schön zu erleben war: Wir haben mit unserer Begeisterung für das Projekt immer mehr Leute angesteckt. Und so ist die Kampagne auch immer weiter gewachsen. Irgendwann gab es die Idee, dass Persönlichkeiten wie Niek Jan van Damme aus dem Telekom-Vorstand und der Pressesprecher Christian Fischer mitmachen. Und dann haben wir das kurzfristig noch organisiert und eingebaut. Das ging natürlich nur, weil die erwähnten Personen sofort große Lust hatten, dieses Projekt zu unterstützen. An dieser Stelle nochmals vielen Dank für das großartige Engagement.


Hier kannst du dir den Clip zur Kampagne anschauen.

„Jugendliche wollen keine Worthülsen in Hochglanzbroschüren“

 


reif: Warum seid ihr der Meinung: So sprechen wir die Jugendlichen besser an als mit herkömmlicher Werbung?


Daniel: Wir haben gemeinsam lange überlegt, wo man die Zielgruppe am besten abholt. Das ist heute gar nicht mehr so einfach. Das Thema Print stirbt ja leider immer weiter aus. Die Jugendlichen halten sich im Internet auf, deshalb wollten wir dorthin. Aber im Internet gibt es inzwischen ja auch schon eine ordentliche Übersättigung. Wir mussten einen Weg finden, etwas Cooles zu machen, aber gleichzeitig die Message zu transportieren, die uns wichtig ist. Und dann sollte sich das Ganz ja auch noch mehr oder weniger automatisch verbreiten.


Maik: Das ist zum einen natürlich billiger als herkömmliche Werbung. Aber zum anderen hat es auch eine viel höhere Glaubwürdigkeit. Wenn ich von einem Freund etwas empfohlen bekomme oder darüber was lese und mich dann gezielt schlau mache, dann ist der Effekt natürlich viel größer, als wenn ich es in der Werbepause im Fernsehen sehe. Hinter solchen Werbeformen steckt allerdings deutlich mehr Planungs- und Konzeptionsarbeit als beispielsweise bei einem Werbespot


reif: Ist das die Zukunft der Werbung – weg von der klassischen Werbung und hin zu solchen Internetaktionen?


Maik: Es wird immer klassische Werbung geben, TV-Werbung genauso wie Plakate. Aber es wird bestimmt in den Unternehmen ein Umdenken geben, was die Verteilung der Budgets und die Nutzung der einzelnen Kanäle angeht. Das liegt einfach daran, dass sich das Mediennutzungsverhalten sich in den letzten Jahren stark verändert hat. Die Leute verbringen weniger Zeit vor dem Fernsehen und mehr im Internet, sie kaufen im Internet ein und kommunizieren dort. Ein Vorteil vom Internet ist ja, dass ich es als Nutzer stark selber steuern kann. Meine TV-Werbung kann ich mir nicht selbst aussuchen, was ich mir im Netz anschaue schon. Deshalb ist es wichtig, im Internet Inhalte zu schaffen, die für die Leute auch wirklich eine Relevanz haben. Gleichzeitig muss man diese Inhalte sehr besonders aufbereiten, damit auch wirklich darüber gesprochen wird. Denn das Netz ist ja voll von interessanten Inhalten. Das ist eine große Herausforderung.


reif: Macht es bei der Werbeform nicht auch einen Unterschied, was man bewirbt – ob ein neues Produkt oder so ein komplexes Thema wie Ausbildung?


Daniel: Das denke ich schon. Wir reden hier nicht von einer Dose Cola, sondern von der Zukunft eines Menschen. Natürlich ist es jedem Einzelnen enorm wichtig, einen guten Job zu haben – einen Job mit Verantwortung, in dem man nicht eingeengt wird, in dem man sich weiterentwickeln kann. Social Media eignet sich für dieses Thema besonders gut, weil wir mit jedem Bewerber in einen intensiven Dialog treten können. Das zeigt übrigens auch ein Blick auf Facebook. Dort ist die Telekom schon sehr gut aufgestellt. Und die Erfahrung zeigt, dass hier wirklich Schüler, die über ihre spätere Berufsausbildung nachdenken, auf die Seite (www.facebook.com/TelekomKarriere) kommen, um ganz gezielt ihre Fragen loszuwerden. Und wir können dort schnell und zielgerichtet antworten. Das ist einfach kein Vergleich zu dem, was noch vor ein paar Jahren gängig war: Hochglanzbroschüren, in denen viele Worthülsen verwendet werden und sehr werblich gesprochen wird.


Maik: Aber natürlich ist diese Form der Werbung über Social Media auch für Konsumgüter geeignet. Eigentlich eignet sie sich für alles, worüber Menschen sprechen. Es gibt ja im Netz inzwischen für alle möglichen Themen Umfelder, in denen man sich austauschen kann – ob das nun Blogs sind oder Foren oder Community-Gruppen.   


Hier kannst du dir den Clip zur Kampagne anschauen.

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