Konzertgänger

Jedes Konzert hat seine ganz eigene Stimmung. Und die hängt vor allem von den Fans ab. Wir haben drei von ihnen zu ihren Lieblingsbands begleitet: zu den Beatsteaks, zu Max Herre und zu Jónsi.

Max Herre: „Musik ist immer eine Suche"

Freundeskreis-Bandmitglied Max Herre im Interview.

Bekannt wurde er als Mitglied der Hip-Hop-Band Freundeskreis. Seit 2004 ist Max Herre auch als Solokünstler unterwegs. Warum ihm Gefühle immer wichtiger sind als Musikrichtungen, erklärt er im reif-Interview.

reif: Du bist seit über 15 Jahren Musiker. Wie siehst du deine musikalische Entwicklung heute?

Max: Für mich ist Musik immer eine Suche. Man wird sozialisiert mit einem bestimmten Sound, aber man entwickelt auch neue Vorlieben. Die Dinge sind im Fluss und meine jetzige Musik ist deshalb auch eine Phase. Immerhin schreibe ich Songs, seit ich elf bin, und hatte mit 15 meine erste Band. Da war Rap noch weit entfernt. In den letzten zehn Jahren habe ich mehr Songs als Raps geschrieben. Es kam also nichts über Nacht, sondern war eine Entwicklung. Meine aktuelle Musik fällt mir leicht, da ist nichts übergestülpt.

reif: Welche Musikstile haben dich denn deiner Entwicklung beeinflusst?

Max: Am Anfang war da Udo Lindenberg, dann kam ziemlich schnell Funk und Soul, also eher Black Music. Zu Rap kam ich mit De La Soul, und in den letzten Jahren wurde der Folk und Blues immer wichtiger. Ich habe einfach gemerkt, dass ein Neil Young oder Bob Dylan wahnsinnig groovt.

reif: Heute wie damals sind deine Songs sehr autobiographisch. Warum?

Max: Ich glaube, 80 Prozent aller Menschen, die schreiben, erzählen von sich selbst. Eigene Erfahrungen und Emotionen sind einfach allgegenwärtig, das kommt auch aus der Hiphop-Historie, in der es immer darum ging, authentisch und keine Kunstfigur zu sein.

reif: Hast du Lust, mal wieder eine Rap-Platte zu machen?

Max: Ich könnte mir nur schwer vorstellen, mich ein Jahr lang nur mit Rap zu beschäftigen. Dafür interessieren mich zu viele Musikstile. Mal zu rappen, klar, aber für mich ist auch das Gefühl und die Geschichte hinter den Songs viel wichtiger als die Musikrichtung. 

Hier liest du die Geschichte "Konzertgänger": reif-Autoren haben Fans zu den Konzerten ihrer Lieblingsbands begleitet. Karin war bei Max Herre.

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"Jónsi erschafft eine komplett andere Welt in deinem Kopf."

Die Berliner Abendluft ist gefühlte 35 Grad warm. Heiko steht vor der Halle. 18.30 Uhr. Er ist pünktlich. Kann sein, dass man bei anderen Konzerten in der Columbiahalle warten muss. Aber heute Abend nicht. Durch künstliche Wartezeiten die Vorfreude zu steigern, ist unnötig. Das Publikum weiß genau, was es hier bekommt – und das ist eben kein massentauglicher Pop mit albernen Starallüren.


Die Umbaupause nach der Vorband „Glasser“ dauert nur knappe 20 Minuten. Heiko überrascht das nicht: „Man merkt einfach, dass Jónsi richtig Freude am Spielen hat und dankbar ist, wenn Menschen sich für seine Musik interessieren.“ Das Publikum wartet, fächelt sich mit den Eintrittskarten Luft zu und beobachtet, wie aus der Bühne langsam eine Kulisse wird. Auf braunem Stoffhintergrund tanzen Rehe, Schmetterlinge und Vögel. „Sogar der Schatten des Scheinwerfers sieht aus wie ein dicker Vogel“, meint Heiko.


Dann erlischt das Licht komplett und nur zwei kleine Scheinwerfer beleuchten die Bühne. Mit dem ersten Akkord schwingt das gespannte Warten des Publikums in völlige Verzückung um. Die Akustikgitarre spielt melancholische Akkorde, die Stimme des Sängers klingt leicht brüchig und trotzdem engelsgleich. Eine wundersame Stimmung breitet sich in der Halle aus.


„No clouds, no crows, no one“ singt Jónsi. Auf die volle Halle trifft das nicht zu, aber um die geht es ja auch nicht – sondern um Wasser, Weite und Natur. Eine Reise in die Heimat der Band beginnt, nach Island. Nun betreten auch die restlichen Bandmitglieder die Bühne. Es sind insgesamt fünf Leute, die diverse ziemlich unkonventionelle Musikinstrumente spielen. Zum Beispiel ein „Bow“. Heiko weiß: „Das ist ein Geigenbogen für E-Gitarren, damit kann man den Ton länger halten“. Aneinander geschabte Schieferplatten erzeugen Waldgeräusche und das Zusammenspiel aller Klänge erschafft eine verzauberte Atmosphäre. Jónsi ist mal am Klavier zu sehen, mal an der Gitarre, dann steht er wieder allein am Mikro.


Am Ende des zweiten Liedes geht es mit der Bühnenshow erst richtig los: Ein wildes Lichterspiel erzeugt den Eindruck, der Vorhang würde abbrennen. Dahinter erscheint eine Landschaft voller Tiere. Schmetterlinge flattern über die Bühne, Ameisenarmeen rennen zum Klang der Musik und ein Wolf jagt ein paar Rehe, die sich zeitweise in Eulen verwandeln, um so zu entkommen. Die Animationen sind skizzenhaft und in Schwarz-Weiß gehalten. Die Bilder verwandeln die Halle gemeinsam mit der Musik in eine Art Traumwald.


„Ich fühle mich wie auf einer Lichtung“, flüstert Heiko. So wird der Weg in den isländischen Wald vorbereitet und im zweiten Teil des Konzerts mit weiteren Animationen zur Perfektion gesteigert. Kolibris flattern über die Bühne, Farbe klatscht gegen die Leinwände, rinnt herunter und verschwindet wieder. Heiko hat die Augen die meiste Zeit geschlossen und verpasst so einige der Visuals. Aber das stört ihn nicht – anders als das Publikum, das zwischen den einzelnen Songs klatscht. Dabei schreckt Heiko jedes Mal hoch und guckt genervt: „Ich mag es bei Bands dieser Musikrichtung eigentlich lieber, wenn sie ohne Klatschpausen durchspielen und dafür am Ende umso mehr geklatscht wird. So bleibt bis zum Schluss die Spannung in der Musik.“


Jónsi singt meistens auf Englisch, anders als in den isländischen Texten der Band Sigur Rós, mit der er bekannt geworden ist. Zwischendrin kommen aber immer wieder ein paar Zeilen, die man nicht versteht. „Das ist eine von ihm selbst kreierte Sprache“, erklärt Heiko: „Hoffnungsisländisch“.


Am Ende hat die Halle fast Saunatemperatur, was aber gut zu den leisen Regengeräuschen passt, die schon die ganze Zeit eingespielt werden. Als die Musik verlischt, strömt das Publikum erstaunlich leise aus der Halle. Auf dem Weg zur U-Bahn schüttelt Heiko den Kopf über ein paar Hobbyfotografen: „Die Leute versuchen, die Stimmung des Konzerts einzufangen, indem sie es in digitale Fotoform pressen. Bei so experimenteller Musik kann das nicht klappen.“ Jónsi funktioniere eben anders als der herkömmliche Radiosong, der zwei Minuten läuft und dann vorbei ist. „Da wird eine komplett andere Welt in deinem Kopf erschaffen, in die du eintauchen kannst. – Und wenn man wirklich etwas mitnehmen will, sollte man einfach mal die Augen schließen und sich auf die Musik einlassen.“


Foto: Matthias Popp

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"Max Herre ist nicht wie Junk Food."

Karin steht in der Abendsonne. In einer halben Stunde wird hier Max Herre auftreten. Draußen warten überwiegend junge Mädchen. Manche haben ihren Freund mitgebracht, aber der wird heute schlechte Karten haben: „Max‘ Musik ist toll und seine Locken und der Drei-Tage-Bart sind einfach sexy. Meine Mädels beneiden mich, weil ich heute hier bin.“ Das Publikum ist so jung, dass es Max Herre wahrscheinlich nur als Solokünstler kennt. 1997 wurde er mit der HipHop-Crew Freundeskreis bekannt. Karin war damals gerade mal neun – trotzdem sind es gerade die alten Stücke, die ihre „erste Liebe“ geweckt haben: „Das Duett mit Joy Delane ist mein absoluter Lieblingssong. Eine Liebeserklärung an seine Ex-Frau und an seine Heimat Stuttgart.“


Die alten Freundeskreis-CDs kramt Karin regelmäßig raus – auch wenn sie sie nicht täglich hört: „Max Herre ist nicht wie Junk Food. Er ist eher Scampis mit Tomaten an einem schönen Abend mit Freunden. Ich möchte ihn mir erhalten und nicht tot dudeln.“


Nach draußen dringen die ersten Klänge der Vorband. Karin will jetzt rein und nichts verpassen. Auf dem Weg eine Bewertung der aktuellen Platte: „Scherben gefällt mir sehr von der Melodie her. Mein Lieblingssong ist aber Staub. Er hat einen so traurigen Anfang und wechselt dann doch ins Gute. Wie in meinem Leben: Irgendwie lösen sich meine Schwierigkeiten meistens von allein.“


In der kurzen Umbaupause gesteht Karin eine musikalische Sünde: „Ich war letzte Woche bei Alexander Marcus. Zu Max Herre zu gehen ist dagegen richtig Kultur.“ Jede Musik braucht eben ihre Stimmung: „Max Herre ist für melancholische Tage.“ Inzwischen hat Max die Bühne betreten. Nach einer kurzen Sekunde der Stille fangen die Mädchen in der ersten Reihe an zu kreischen. Auch Karin sieht man an, dass sie nicht weit davon entfernt ist.


Schon nach wenigen Akkorden erkennt Karin die Stücke und singt mit geschlossenen Augen mit. Der dritte Song ist eine faustdicke Überraschung: der Uralt-Titel „A.N.N.A“. Mal singend, mal rappend hüpft Max über die Bühne und vergisst kurz seine Songwriter-Zurückhaltung. 600 rechte Arme wippen im Takt. Karin ist völlig aus dem Häuschen: „Ich hab‘ insgeheim auf diesen Song gehofft, ihn aber überhaupt nicht erwartet. In dieser Version ist er nicht mal abgedroschen. Ich bin einfach nur mega-geflasht.“


Keine Pause für Karins Begeisterung: Bei den ersten Akkorden des nächsten Lieds rastet sie aus. Ihre Lippen bilden das Wort „Staub“, verstehen kann man nichts mehr. Alle singen mit, tanzen und sind nass bis auf die Haut. Spätestens jetzt ist Karin wie in Trance, zusammen mit den anderen Fans um sie herum. Während die Jüngeren sich immer näher an die Bühne drängen, haben sich die wenigen Anhänger aus alten Freundeskreis- Zeiten nach hinten an die Theke verzogen. Max Herre selbst steht ruhig und entspannt auf der Bühne, ohne große Show. Einmal lässt er sich zu einer Bemerkung über die Genialität von Eric Clapton hinreißen und erntet verständnislose Blicke. Egal, hier zählt nur der Mann auf der Bühne, unter dessen grüner Mütze die schwarzen Locken ihren Weg in die Freiheit suchen.


Anderthalb Stunden später, nach einigen Zugaben, verlässt Max Herre die Bühne. Karin ist glücklich und erschöpft: „Das war das beste Konzert überhaupt!“ Schon eine halbe Stunde später verkündet ihr Facebook-Profil: „Max Herre war toll und Danke für den tollen Abend“.


Foto: Matthias Popp

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"Ich kann‘s nicht fassen, dass hier gleich die Beatsteaks spielen!"

Mörpsi schwitzt. Vor dem Konzert. Die ganze Zeit. Es ist heiß, sie ist aufgeregt. Die Beatsteaks: hier, mit ihr, in einer halben Stunde. Und sie ist vorbereitet: alte Klamotten, abgewetzte Schuhe. Im Kopf nur diese Band.

Während die rotzigen „Radio Dead Ones“-Vorband-Rocker das Publikum zum Durchdrehen animieren wollen, sinniert Mörpsi über das, was da kommt, gleich, in 20 Minuten: „Mit ‚As I please‘ werden sie sicher nicht anfangen. Da gibt‘s ja immer eine wall of death...“ Sie hält inne, überlegt, worüber sie spricht. „Ahhh, ich kann‘s immer noch nicht fassen, dass hier gleich die Beachbulletten spielen“. Damit ist sie nicht alleine: Rund 3.000 Leute grölen mit handlicher Unterklatschung „Beatsteaks, Beatsteaks, Beatsteaks!“

Und dann rennen die Beatsteaks auf die Bühne: diese Helden. „This is atomic love“, Arnim singt, was Mörpsi für diese Berliner Band fühlt. Sie schreit mit, tanzt, pogt von vorne nach ganz hinten und wieder zurück. Dann ist sie weg, liegt auf dem Boden, unter Leuten. Einer bekommt es mit und zieht sie hoch: Erstmal raus. „Ich hatte gerade schon Panik“, brüllt sie. „Hab‘ nicht mehr richtig Luft gekriegt.“ Trotzdem: Sie muss da wieder rein. „Könnt ihr noch?“ Zögerlos jubelt sie. Gitarrist Peter schrammelt markant die Gitarre, nicht alle erkennen, was jetzt kommt. Aber Mörpsi hat darauf gewartet: „Frieda und die Bomben“, ein gemeinsames Lied mit den Flensburger Freunden von Turbostaat. „Wollt ihr das? Na, na?“ Jede einzelne Textzeile hat sie verinnerlicht, singt mit, so laut sie kann, es ist ihr Lieblingslied heute. Dann ruft Arnim: „Ihr macht mich nervös!“ Mörpsi ist hin und weg. „Och Arnim, ich würde dir helfen, was dagegen zu tun.“ Jaja, bei diesem Typen sind unmoralische Angebote angebracht.

Aber es ist nicht nur der Sänger: „Jeder Typ in dieser Band hat einfach irgendwas“, meint Mörpsi. Bassist Thorsten zum Beispiel: Beim Cover „Red red wine“ setzt er sich eine Afro-Perücke auf und tanzt im Reggae-Style über die Bühne, will Offbeat- Geräusche machen. „Oh, jetzt hat er aber verkackt. Voll unrythmisch.“ Das Publikum feiert: Solche kleinen Fehler machen diese Band sympathisch.

Mörpsi ist traurig, als das Konzert fast vorbei ist. Klassisch kommt zum Schluss „Let me in“. „Ach ja, jetzt setzen wir uns gleich alle hin.“, Mörpsi ist im Beatsteaksbilde. Tatsächlich, kurz vorm Refrain die Aufforderung „Alle runter“. Alle sind unten. Auf Kommando hochspringen und nochmal richtig ausrasten. Wie bei einer Explosion: Ein Knall und unglaubliche Hitze... Dann ist es vorbei. Mörpsi taumelt aufs Klo: Sie ist nass, von oben bis unten. Hastig trinkt sie aus dem Wasserhahn und wertet das Konzert aus. „Das Publikum war irgendwie ziemlich unnett, gar kein richtiges Beatsteaks-Publikum.“ Sie guckt grimmig. „Nicht mal in Berlin war es so schlimm, und das war das Tour-Abschiedskonzert. Klar, es war hart, aber die Leute waren hilfsbereiter.“ Das heutige Konzert an sich aber – der Hammer. „Als Arnim bei ‚She was great‘ diese Kasper-Handpuppe hatte und so getan hat, als würde die ins Mikro singen... Hach, die sind so bekloppt!“ Sie grinst. Alle Mädchen im Raum haben diesen glücklichen Gesichtsausdruck. „Allerdings haben mir zwei Lieder gefehlt: „Summer“ und „Badfish“. Aber gut, wenn sie nächstes Jahr wieder kommen, kann ich ihnen das nochmal verzeihen.“

Beim Rausgehen werden ihre Augen nochmal groß. Voll durch den Wind sagt sie: „Oh mein Gott, am Merchandise steht der Thorsten.“ Sie schleicht sich zum Bassisten, fragt: „Öh, kann ich mal ganz unauffällig ein Foto mit dir machen?“ Er antwortet charmant: „Ganz unauffällig? Klar, dann müssen wir aber beide wegschauen“. Klick. Das war‘s.

Foto: Matthias Popp

Gast

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Telekom-Playgrounds-Tickets gewinnen

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für die Telekom Extreme Playgrounds am 5. Dezember in Berlin.


Dreimal im Jahr kommen bei Telekom Extreme Playgrounds insgesamt 15.000 Leute zusammen, um große Bands zu hören und sich nebenbei Profis beim Skateboarden, BMX-Fahren und Wakeboarden anzusschauen. Große Bands, das sind zum Beispiel Gentleman, Mando Diao, Deichkind, The Offspring, Rise Against und Bad Religion.


Der nächste Event findet am 5. Dezember im Berliner Velodrom statt.


Die Gewinner sind: Kilian Salzwedel, Forst/Lausitz; Laura-Denise Blattert, Oldenrode; Marcus Kießling, Leipzig. Herzlichen Glückwunsch und viel Spaß!


www.telekom-playgrounds.de


Einsendeschluss war der 17.11.2010

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