SMS von Christine Neder

Heute schaut reif-Autorin Anna ins Handy von Extremcouchsurferin, Bloggerin und jetzt Buchautorin Christine Neder. Wie man Extremcouchsurferin wird? Man schläft 90 Nächte in 90 Betten bei 90 fremden Berlinern. Was Christine dabei Schräges erlebt hat, verraten die SMS an ihren Freund Paul und ihre Mutter. 

> An Paul: „Schon wieder eine krasse Lebensgeschichte gehört. Meine Güte!“

reif: Wurdest du beim Couchsurfen manchmal als emotionaler Mülleimer missbraucht?

Christine: Nein, das nicht. Mir wurde schon viel erzählt, aber das fand ich auch gut so. Ich bin ein mitfühlender Mensch, deswegen gingen mir die Geschichten der Leute teilweise sehr nah.

reif: Was war denn die krasseste Geschichte, die dir erzählt wurde?

Christine: Ein Gastgeber hat mir etwa erzählt, wie seine Ehe in die Brüche und ab da sein ganzes bisheriges Leben den Bach runter ging. Er lebt jetzt als Fotograf in Berlin, obwohl er eigentlich Wirtschaftswissenschaften in Oxford studiert hat. Eine Andere hatte Krebs, das war schon krass.

reif: Wie geht man denn damit um, wenn man von einem mehr oder weniger Fremden so etwas erzählt bekommt?

Christine: Naja, man hat schon eine gewisse Distanz zu den Geschichten, aber ich kann mich in solchen Situationen eigentlich ganz gut in den Menschen hineinversetzen.

> An Paul: „I di a.“

reif: Du stammst eigentlich aus Schweinfurt. Heimweh nach Bayern?

Christine: Ja, manchmal schon. Ich bin auch oft dort, weil ich in Bayern viele Freunde habe und mein Freund dort wohnt. Von Berlin nach München, das ist immer ein ziemlicher Kulturschock.

reif: Willlst du trotzdem irgendwann wieder zurückziehen?

Christine: Naja, jetzt noch nicht. Aber ich denke irgendwann werde ich sicher wieder zurück in den Süden wandern.

> An Paul: „Ich bin in der Sadomaso-Hölle mit einem Kerl der zwei Frauen hat und überall Ketten. OH MEIN GOTT!“

reif: Wo bist du denn da bloß gelandet?

Christine: Die SMS stammt aus einer meiner Couchsurfer-Nächte in Berlin. Ich kam bei meinem Gastgeber an, wusste nur, er ist Fotograf. In seinem Fotostudio standen dann diese ganzen Sadomaso-Sachen rum und die beiden Frauen tauchten auf. Ich war erstmal total geschockt.

reif: Alles gut gegangen?

Christine: Klar, im Nachhinein denke ich mir: Mann, war ich blöd, alles easy. Die waren ja auch voll nett und harmlos, aber man entwickelt da irgendwie sein eigenes Kopfkino.

reif: Wie reagiert man denn in solchen Fällen als professionelle Couchsurferin?
Christine: Erstmal abwarten, beobachten und die Lage checken. Am Schluss fand ich die Situation sogar richtig interessant.

> An Mama: „Hä? Wie Sorgen machen? Hab dir ne Mail geschickt.“

reif: Sind deine Eltern und dein Freund während deines Experiments nicht vor Angst um dich gestorben?

Christine: Naja, mein Freund hat sich selten Sorgen gemacht. Aber meine Mutter dafür umso mehr. Der musste ich jeden Tag schreiben, wo ich bin und ihr die Namen, Adressen und Telefonnummern meiner Gastgeber verraten. An diesem Abend ist meine Mail wohl nicht rechtzeitig angekommen.

reif: Hast du dich denn sonst noch irgendwie abgesichert? Ist ja nicht ganz ohne, bei wildfremden Menschen zu übernachten...

Christine: Also zu Frauen und WGs bin ich immer relativ bedenkenlos gegangen, bei Männern habe ich mich da schon genauer auf ihren Profilen informiert und mir ihre Angebote angeschaut. Wenn mich einer etwa mit zur Chorprobe genommen hat, konnte ich relativ sicher sein, dass er mich anschließend nicht heimlich abmurkst.

> An Paul: „Mir ist schlecht.“

reif: Lebenskrise während dem Selbstversuch?

Christine: Lebenskrise ist zu viel gesagt. Ein paar Tiefs hatte ich allerdings schon.

reif: Hast du auch mal ans Aufgeben gedacht?

Christine: Naja, ein Wochenende bin ich mal „fremdgegangen“. Da hat's mir gereicht, ich habe meine Sachen gepackt, bin zu meinen Freunden nach München gefahren und habe ein paar Tage Normalität genossen. Als ich von dort zurückgekommen bin, war's erstmal krass. Ich musste auch noch die Nacht von Sonntag auf Montag im Zug verbringen, da war ich nicht so gut drauf. Aber so richtig aufgeben wollte ich nie. Was ich mir vorgenommen habe, zieh ich auch durch.

> An Paul: „Oh mein Gott, war das anstrengend. Ich hab Kopfweh. Vielleicht organisiert mir mein Chef ein Volo :)“

reif: Apropos anstrengend, wie hast du eigentlich gleichzeitig dein Praktikum in Berlin und deinen Selbstversuch geschaukelt?

Christine: Das war schon ein bisschen stressig. Ich habe mein Praktikum nach einem Monat in ein Halbtagspraktikum umgewandelt, sonst hätte ich nicht beides geschafft. Eigentlich war das dann gar nicht schlecht. In der Zeit, in der ich gearbeitet habe, hatte ich gedanklich frei von meinem Experiment.

reif: Und was ist letztendlich aus dem erwähnten Volo geworden?

Christine: Leider nichts, wie immer. Aber das war kein Weltuntergang, es entwickelt sich ja doch immer alles positiv für mich weiter.

> An Paul: „Game Over“.

reif: Spieleabend mit einem Couchsurfer?

Christine: Nein, das war der letzte Abend meines Experiments.

reif: Und, traurig?

Christine: Ja, ein bisschen schon. Deswegen hab ich diese etwas wehmütige SMS geschrieben. Aber ich wusste auch, es muss jetzt vorbei sein, es war echt zu anstrengend. Nach 90 Tagen war meine Grenze erreicht.

reif: Naja, du kannst das Ganze ja noch in einer anderen Stadt wiederholen...

Christine: Ne, ich glaube Berlin war die perfekte Stadt dafür. Nirgends sonst findet man so viele unterschiedliche Leute. Klar könnte man auch im Ausland couchsurfen, aber ich glaube in der eigenen Muttersprache kann man in Gesprächen eine ganz andere Ebene erreichen.

> An Paul: „OK, bring Humus mit.“

reif: Bist du Hobbygärtnerin?

Christine: (lacht) Nein, Vegetarierin. Humus ist Kichererbsenmus.

reif: Lecker. Was macht man damit?

Christine: Kumpir, das sind Kartoffeln mit unterschiedlicher Füllung, eben zum Beispiel Humus. An dem Abend, als die SMS geschrieben wurde, hatte ich Geburtstag und habe mit meinen Freunden in Schweinfurt ein großes Abschiedsessen veranstaltet.

reif: Statt Hobbygärtnerin also eher Hobbyköchin?

Christine: Naja, ich koche gerne, aber meistens schmeckt´s besser wenn ich essen gehe.

> An Paul: „Dein Handy war aus :( Habe schon voll die Deko-Pläne. Das wird toll.“

reif: Planungen für die eigenen vier Wände?

Christine: Richtig. Ich hatte durch die 90 Wohnungen, die ich gesehen habe, so wahnsinnig viel Input, dass ich automatisch die ganze Zeit überlegt habe, wie meine eigene Wohnung denn aussehen soll.

reif: Mittlerweile hast du ja tatsächlich deine eigene Wohnung – in Berlin. Was weißt du nach deinem Experiment daran besonders zu schätzen?

Christine: Alles, alles, alles! Dass ich schlafen kann, wann immer ich will, dass ich mir jederzeit einen Tee machen kann und nicht mehr fragen muss. Eigentlich selbstverständliche Dinge, die für mich aber seit dem Couchsurfing etwas ganz Besonderes sind.

reif: Vermisst du seitdem auch irgendwas?

Christine: Wenig bis gar nichts um ehrlich zu sein. Es war schön, jeden Abend neue Leute kennenzulernen, aber ich wusste ja von Anfang an, dass das ein Projekt auf Zeit ist.

Roman gewinnen

reif verlost drei Exemplare von Christine Neders Debüt-Roman „90 Nächte, 90 Betten“.

Hier kannst du an dem Gewinnspiel teilnehmen.
 

Weitere Beiträge

SMS von Juli

Über Birnen, Fernsehserien und Handyhüllen.

SMS von Revolverheld

Über Atomausstieg, Anmachsprüche und Achterbahn fahren: Wir lassen uns von Promis ihre SMS zeigen. Diesmal: Sänger Johannes Strate von Revolverheld.