Sven, 30

Sven sieht nicht aus wie 30 und erst recht nicht wie ein Hacker. Auf den ersten Blick wirkt er auf mich sehr alternativ und kreativ. Er ist schlank, sein dunkles Haar ist verwuschelt und durch seine nahezu schwarzen Augen schaut er mich durchdringend an. Er würde gut in die Schublade „Künstler“ passen.

So falsch scheine ich damit nicht zu liegen. Sven erzählt mir, dass er in seiner Freizeit gemodelt hat und gerne reist. Er wird nie auf Anhieb als Technikfreak enttarnt. „Schon komisch, aber bei dem Wort ‚Hacker‛ denken alle automatisch an einen kleinen, dicken, pickeligen Jungen mit blasser Haut, der nie das Haus verlässt. Aber so bin ich nicht.“ Ich fühle mich ertappt und bemerke kaum die Kellnerin, die auf meine Bestellung wartet. Sven bittet um einen Kaffee, ich schließe mich an.

Er sagt, dass er schon seit jeher sehr von Technik begeistert ist. „Egal ob Stereoanlage, Fernseher oder Computer: Hauptsache mit einem Kabel dran!“ Als ein Kumpel ihn mit zwölf Jahren in die Grundlagen des Hackens einweist, ist er beeindruckt. Warum? „Der Reiz des Verbotenen, das Gefühl, Macht zu haben – und wahrscheinlich zu viele Hormone in der Pubertät.“ Er lacht.

Alles sei sehr schnell gegangen, sagt er. Leicht lernt er, wie er Fotos austauscht, Texte verfälscht und das Aussehen einer ganzen Internetseite verändert. Egal zu welchen Seiten er sich Zutritt verschafft, es zählt nur, dass sein Werk in der Öffentlichkeit zu bewundern ist. Eine Trophäenjagd beginnt für ihn. Es geht vor allem darum, Kollegen aus der Szene zu beeindrucken. „Früher war das Hacken noch weitaus simpler. Heute will jeder Hacker entweder viel Geld verdienen oder die Welt verändern.“ Er murmelt etwas von utopischen Vorstellungen vor sich hin, das ich nicht ganz verstehe, und greift nach der Kaffeetasse, die inzwischen vor ihm auf dem Tisch steht.

Ab der zehnten Klasse sei er schließlich nicht mehr zur Schule gegangen. „Meine Noten waren nicht schlecht, aber ich hatte einfach keine Lust aufs Abitur. Ich hatte wirklich Glück, denn ein zweites Mal würde diese Entscheidung wahrscheinlich nicht gut ausgehen.“ Sven hat seine Tasse noch immer in der Hand und spielt an dem Henkel herum – besonders angenehm scheint ihm dieses Thema auch nach all den Jahren nicht zu sein. Als Schulabbrecher und Hacker lässt es sich nicht allzu lange gut leben. Das Geld fehlt und Sven macht sich auf die Suche nach einem Job. Erst sieht es schlecht aus. Ihm fehlt eine Ausbildung. Doch dann besinnt er sich auf das, was er am besten kann: Hacken. Unternehmen suchen tatsächlich nach Hackern. „Eine Ausbildung braucht man dafür nicht. Nur praktische Erfahrung und die hatte ich zu Genüge!“ Er grinst und streicht sich über seinen Dreitagebart.

Sven bewirbt sich mit 19 Jahren ohne Ausbildung oder Abitur in der Tasche bei den T-Systems und muss einige Wochen warten. Doch dann erhält er eine Zusage und wird der erste offizielle Hacker des Unternehmens. „Der Anruf hat mich echt umgehauen!“ Zu Beginn muss seine Stellenausschreibung komplett neu erfunden werden. „Auf meiner Visitenkarte steht ,Systemspezialist Security‛ und in meinem Aufgabenbereich ,Kunden hacken‛. Das gab es vorher nicht!“ Er guckt in seine inzwischen fast leere Tasse und dann zu mir. Was er zu Beginn nur kriminell gemacht hat, ist mittlerweile sein Job. Kunden bitten ganz von selbst darum, dass Sven versucht, ihre Seite zu knacken. „Ich hätte früher nie gedacht, dass man mit meinem Hobby Geld verdienen kann. Eine Ausbildung habe ich nie gemacht.“ Trotzdem klappt das Hacken in den meisten Fällen in unter zehn Minuten. Sven kann die Kunden dann darauf hinweisen, wie die Internetseite gegen fremde Zugriffe geschützt werden kann. Damit verdient er heute sein Geld: Hacken im Auftrag des Kunden.

Um seine Zukunft muss Sven sich keine Sorgen machen. „Mit T-Systems habe ich eine gute Referenz und die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt ist gering. So viele von uns gibt es – zum Glück für alle Websitebetreuer – nicht!“ Aber eigentlich will Sven den Arbeitgeber gar nicht wechseln „Da müsste das Angebot schon extrem gut sein. Bei T-Systems kann ich sehr flexibel arbeiten. Wenn mal wieder ein Casting in Paris ansteht, dann darf ich mir die Zeit dafür nehmen. Solange alle Kunden gehackt werden!“ Er zeigt eine Reihe strahlend weißer Zähne, lehnt sich in seinem Stuhl zurück und streicht sich über den Bauch.

Ob er immer noch illegal hackt? Nein, in diese Versuchung ist er seit seiner Anstellung nicht mehr gekommen. „Jetzt hacke ich legal, der Nervenkitzel ist weg und die Hormone seit einigen Jahren auch.“

Foto: Tony Haupt

von: Gast