Was Menschen können
440 Schwimmerinnen und Schwimmer mit allen möglichen Formen von Beeinträchtigungen haben die paralympischen Europameisterschaften im Schwimmen ausgetragen, genauer: die „IPC Swimming European Championships“.
Es gibt einen Behindertenbereich in der Schwimmhalle im Europa-Sportpark Berlin: zwei Becken, beide mit einer Wassertemperatur von 33-34 Grad, eines ein Therapiebecken. Vermutlich werden in dieser Woche zusammen mehr Menschen mit Handicaps in der Schwimmhalle sein, als sonst in einem ganzen Monat – aber der Behindertenbereich wird nicht benutzt. Die „IPC Swimming European Championships“ stehen auf dem Programm. Schon im Foyer der betongrauen Halle ist es stickig-warm. Obwohl ich die eigentliche Halle noch gar nicht sehe, höre ich schon dumpf ein Tosen aus Vuvuzelas, anfeuernden Rufen und Rasseln.
Drinnen erschlägt mich dann der Lärm, insbesondere die Vuvuzelas aus dem russischen Fanblock sind kaum zu ertragen. Ohrenstöpsel sind eindeutig der nützlichste Gegenstand, den ich mitgenommen habe. Die Schwimmhalle erstrahlt bunt von den Farben der verschiedenen Nationalfahnen, die von der Decke hängen. Die Einlaufmusik ertönt, das Safri Duo trommelt um die Wette.
Ich nehme hinter einem belgischen Pärchen und vor einer Gruppe aus Russland Platz. Als der erste Athlet ohne Arme souverän ins Wasser springt, schäme ich mich ein bisschen – ich hätte vorher wissen müssen, dass ich keine Angst um ihn haben muss. Hatte ich peinlicherweise trotzdem im ersten Moment. Doch seine Bewegungen lassen ihn eins mit dem Wasser werden, so dass ich kurz überwältigt die Luft anhalte.
Die Wettbewerbe unterscheiden sich in Nummern von S1 bis S16. Ich bin verwirrt. Vielleicht hat das mit dem unterschiedlichen Schweregrad des jeweiligen Handicaps zu tun? Ich frage eine Frau in einem blauen IPC-T-Shirt und Badelatschen. Sie heißt Caren Gerarald und ich scheine direkt an die richtige Person geraten zu sein. Sie ist nämlich für die Klassifizierung der Athleten zuständig und erklärt mir auf Englisch mit stark britischem Akzent das System: Umso niedriger die Ziffer ist, umso stärker sind die Beeinträchtigungen der Athleten. S1 bis S10 steht dabei für körperliche Behinderungen, S11-S13 für visuelle, S14 für geistige, S15 ist die Klassifizierung für Gehörlose und S16 für alle Teilnehmenden mit Transplantationen.
Wir werden von einer wild gestikulierenden, älteren Belgierin unterbrochen, die lieber das 50-Meter-Freistilfinale-S8 der Frauen sehen will, als meinen Rücken. Verständlich, denn was wir da sehen, ist der Hammer. Die deutsche Stefanie Weinberg, deren einer Arm von Geburt an nur halb so lang ist wie der andere, gewinnt die Bronzemedaille. Ein Großteil der Zuschauer jubelt und klatscht und übertönt damit beinah sogar die Vuvuzelas.
Die Luft in der Halle wird immer stickiger. Ein Kameramann in Taucherkluft kommt an die Wasseroberfläche. Ein bisschen beneide ich ihn, weil er sich im Wasser erfrischen kann. Doch es geht schon weiter: das 50-Meter-Freistil-Finale der Blinden. Die Athleten werden von Betreuern hereingeführt. Enhamed Enhamed, Sportler aus Spanien, begeistert mich sofort! Er schlägt sich wie wild auf alle Körperteile, springt hoch und macht sich heiß für den Wettbwerb. Eine richtige Kämpfernatur.
Es folgt ein Kopf-an-Kopf-Rennen, bei dem ich richtig für meinen Liebling mitfiebere. Auf der anderen Seite der Bahnen stehen die Betreuer mit langen Stäben, an deren Ende ein Gummiball befestigt ist. Kurz bevor die Schwimmer den Beckenrand erreichen, klopfen ihnen ihre Betreuer mit dem Stab auf den Rücken. So wissen sie, dass der Rand naht. Leider wird Enhamed nur Vierter. Aber er hat alles gegeben.
In der gleichen Klasse der Frauen gewinnt kurz darauf eine Italienerin mit dem zauberhaften Namen Cecilia Camelini die Goldmedaille. Sie grinst in die Halle hinein und dreht sich mit dem Kopf in alle Richtungen. Nur die Stäbe der Betreuer im Hintergrund erinnern daran, dass sie nicht sehen kann. Aber bei diesem Event geht es darum, was Menschen können, und nicht darum, was sie nicht können. Das habe ich gelernt.
Schade, dass der Tag schon wieder vorbei ist. Ich mache mich wieder auf den Heimweg. Vor dem Hotel der Sportler, das genau neben der Halle liegt, treffe ich auf eine österreichische Athletin und ihre Teamkollegin. Sie rollt lachend über den Fußgängerüberweg und verkündet: „Diesmal schaffe ich es, noch während der Grünphase der Ampel anzukommen.“ Sie heißt Sabine Weber-Treiber und ist die einzige Frau im österreichischen Team. Es ist ihre erste Teilnahme an einer Europameisterschaft, sie nimmt aber gleich an vier Wettbewerben teil. „Ich hoffe, dass ich einen Platz auf dem Podest bekomme“, erzählt sie mir, bevor auch ich die Straße überquere, um zum Bahnhof zu gelangen. Sie ist schon weg, als mir klar wird, wie unmöglich kurz die Grünphase ist.
Fotos von oben nach unten: Daniela Schulte vom Berliner Schwimmteam/PSC Berlin, Copyright: camera 4; Wechsel der Damenstaffel, Copyright: Ralf Kuckuck/DBS Akademie.
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