... verschlafene Gesichter in der Straßenbahn. Von denen hatte Åsa Schlimmeres erwartet. “In Vorbereitung auf den Deutschlandaufenthalt hat man uns einige Warnungen mitgegeben: Man soll immer vorsichtig sein, wenn man sich im Bus neben einen Deutschen setzt. Die fangen nämlich plötzlich an, dich zu beschimpfen. Sowieso streiten sich alle Deutschen ständig und sind furchtbar streng und man darf allerhöchstens zwei Minuten duschen. Wenn überhaupt.” Zum Glück kann Åsa das nach einem Jahr Deutschland nicht bestätigen. “Ich finde die Deutschen wirklich nett. Alle sind offen und freundlich, eine schöne Atmosphäre.”
Im Unterricht ist die Atmosphäre allerdings gewöhnungsbedürftig für Åsa: “Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern in Deutschland hat mich richtig geschockt. Das ist total unpersönlich, ganz formell. In Schweden duzen wir die Lehrer nicht nur, der Umgang ist einfach auch ganz anders. Ich unterhalte mich mit den Lehrern genau wie mit meinen Freunden auch. Klar, ich würde nicht mit ihnen ins Kino gehen, aber man redet eben einfach auch mal über was Persönliches und setzt sich in der Mittagspause zusammen an einen Tísch.”
In Deutschland sieht das Ganze dann so aus: Viele Lehrer wissen nichts von einer schwedischen Gastschülerin. Bis sie dann plötzlich vor ihnen sitzt. Für den Rest der Mitschüler déja-vu-artig ergibt sich in jeder Unterrichtsstunde wieder der folgende Dialog: “Wer bist du?” – “Ich bin die schwedische Gastschülerin und werde das Schuljahr hier an der Schule verbringen.” – “Bekommst du Zensuren?” – “Ich glaube nicht. Mir hat keiner was gesagt.” – “Mir auch nicht.” Doch auch nachdem diese Unklarheiten locker umschifft wurden, ergeben sich neue Probleme: beim Aussprechen des Namens der Gastschülerin zum Beispiel. Osa? Ösa? Ursa? Wie denn nun?
Nachzufragen lohnt sich – nicht nur bei Åsas Namen, der ausgesprochen ungefähr wie “Oaßa” klingt. Auch was sie von der schwedischen Schulkultur erzählt, ist sehr spannend. “Grundsätzlich ist in Schweden an den Schulen alles kostenlos. Alle Schüler sollen die gleichen Möglichkeiten haben – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Deswegen gibt es Mittagessen, Schreibwaren, Bücher für alle gratis. Auch Klassenfahrten oder Museumsbesuche müssen nicht bezahlt werden.” Nicht weniger luxuriös hören sich für uns auch die Unterrichtszeiten an: “In der Grundschule, also von der ersten bis zur neunten Klasse, geht der Unterricht in der Regel von 8.30 bis 15 Uhr. Im Gymnasium, also zehnte bis zwölfte Klasse, ist das ganz unterschiedlich, weil jeder Schüler einen ganz individuellen Stundenplan hat – je nachdem, welches Programm er gewählt hat.” Die Rede ist von einer Art spezialisiertem Kurssystem. Von insgesamt 17 Programmen wählt jeder Schüler eines aus, das seinen Interessen am meisten entspricht. Åsa besucht das gesellschaftswissenschaftliche Profil. Dazu zählen Fächer wie Psychologie, Philosophie und Gemeinschaftskunde. Nicht dabei sind Fächer wie Chemie und Physik. „Ich glaube, ich besuche das Profil, das am häufigsten gewählt wird. Alle wollen Chemie abwählen und lieber Psychologie machen“. Doch es geht auch anders: „Wir hatten einen einzigen Schüler an der Schule, der das ‚Handwerk für Orthopädie‘-Programm besucht hat. Da hat man dann extra Fächer, in denen man lernt, wie man gesundheitsfördernde Schuhe herstellt. Und eine Freundin von mir besucht das ‚Hausbau-Programm‘. Was man da macht, sagt ja schon der Name.“
Åsas Aufenthalt hier in Deutschland wird durch ein Stipendium der schwedischen Regierung finanziert. Schüler, die von Deutschland aus ein Auslandsjahr machen wollen, müssen einen anderen Weg gehen: Sie können sich aber an eine von 38 Organisationen wie zum Beispiel das Youth For Understanding Komitee wenden, das jedes Jahr ungefähr 1.200 deutschen Schülern ein Auslandsjahr in einem von über 40 Ländern vermittelt.
Foto: Klaus Gigga