Wie fern so nah

Die Lehrer duzen, kostenloses Mittagessen und Hausbau als Unterrichtsfach.So sieht Schule in Schweden aus. Åsa, 19, aus Stockholm wohnt ein Austauschjahr lang bei reif-Autorin Susanne.

Aufstehen:

Um sechs. Bevor meine Gastschwester Åsa überhaupt richtig wach ist, wird sie mit den Unterschieden zwischen ihrer schwedischen Heimat und dem deutschen Gastland konfrontiert. Zu Hause würde sie jetzt noch tief und fest schlafen, so viel ist klar.

Ungefähr 1.200 Kilometer ist Åsa von ihrer Heimat Stockholm, ihrer 16-jährigen Schwester, ihren Eltern, ihren zwei Hunden und fünf Meerschweinen entfernt. Wenn man bedenkt, dass manche Schüler ihr Auslandsjahr in Argentinien, Kanada oder Thailand verbringen, erscheint das eigentlich gar nicht so weit. Trotzdem prallen hier Welten aufeinander. Auf den ersten Blick merkt man es nicht gleich – aber die feinen kleinen kulturellen Unterschiede, die gibt es. "Was mir zum Beispiel auffällt, ist, dass die Deutschen Unmengen von Brot essen!", sagt Åsa. "Und Fleisch. Fast jeden Tag Fleisch. Für mich als Vegetarierin ist das manchmal eine ganz schöne Herausforderung."

Etwa 500 Schüler kommen pro Jahr aus der ganzen Welt, um ein Austauschjahr in Deutschland zu verbringen. Schweden sind nur wenige dabei, dieses Jahr gerade mal fünf. Aber Åsa ist zufrieden mit ihrer Wahl: "Alle anderen wollten in die USA , unbedingt nach Amerika, um dort Englisch zu lernen. Ich fand Deutschland aber viel cooler. Außerdem will ich später als Archäologin hier arbeiten und da wäre es ja schon nicht schlecht, wenn ich die Sprache kann."

Foto: Klaus Gigga

Gast

Weiterblättern >>

Auf dem Schulweg:

... verschlafene Gesichter in der Straßenbahn. Von denen hatte Åsa Schlimmeres erwartet. “In Vorbereitung auf den Deutschlandaufenthalt hat man uns einige Warnungen mitgegeben: Man soll immer vorsichtig sein, wenn man sich im Bus neben einen Deutschen setzt. Die fangen nämlich plötzlich an, dich zu beschimpfen. Sowieso streiten sich alle Deutschen ständig und sind furchtbar streng und man darf allerhöchstens zwei Minuten duschen. Wenn überhaupt.” Zum Glück kann Åsa das nach einem Jahr Deutschland nicht bestätigen. “Ich finde die Deutschen wirklich nett. Alle sind offen und freundlich, eine schöne Atmosphäre.”

Im Unterricht ist die Atmosphäre allerdings gewöhnungsbedürftig für Åsa: “Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern in Deutschland hat mich richtig geschockt. Das ist total unpersönlich, ganz formell. In Schweden duzen wir die Lehrer nicht nur, der Umgang ist einfach auch ganz anders. Ich unterhalte mich mit den Lehrern genau wie mit meinen Freunden auch. Klar, ich würde nicht mit ihnen ins Kino gehen, aber man redet eben einfach auch mal über was Persönliches und setzt sich in der Mittagspause zusammen an einen Tísch.”

In Deutschland sieht das Ganze dann so aus: Viele Lehrer wissen nichts von einer schwedischen Gastschülerin. Bis sie dann plötzlich vor ihnen sitzt. Für den Rest der Mitschüler déja-vu-artig ergibt sich in jeder Unterrichtsstunde wieder der folgende Dialog: “Wer bist du?” – “Ich bin die schwedische Gastschülerin und werde das Schuljahr hier an der Schule verbringen.” – “Bekommst du Zensuren?” – “Ich glaube nicht. Mir hat keiner was gesagt.” – “Mir auch nicht.” Doch auch nachdem diese Unklarheiten locker umschifft wurden, ergeben sich neue Probleme: beim Aussprechen des Namens der Gastschülerin zum Beispiel. Osa? Ösa? Ursa? Wie denn nun?

Nachzufragen lohnt sich – nicht nur bei Åsas Namen, der ausgesprochen ungefähr wie “Oaßa” klingt. Auch was sie von der schwedischen Schulkultur erzählt, ist sehr spannend. “Grundsätzlich ist in Schweden an den Schulen alles kostenlos. Alle Schüler sollen die gleichen Möglichkeiten haben – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Deswegen gibt es Mittagessen, Schreibwaren, Bücher für alle gratis. Auch Klassenfahrten oder Museumsbesuche müssen nicht bezahlt werden.” Nicht weniger luxuriös hören sich für uns auch die Unterrichtszeiten an: “In der Grundschule, also von der ersten bis zur neunten Klasse, geht der Unterricht in der Regel von 8.30 bis 15 Uhr. Im Gymnasium, also zehnte bis zwölfte Klasse, ist das ganz unterschiedlich, weil jeder Schüler einen ganz individuellen Stundenplan hat – je nachdem, welches Programm er gewählt hat.” Die Rede ist von einer Art spezialisiertem Kurssystem. Von insgesamt 17 Programmen wählt jeder Schüler eines aus, das seinen Interessen am meisten entspricht. Åsa besucht das gesellschaftswissenschaftliche Profil. Dazu zählen Fächer wie Psychologie, Philosophie und Gemeinschaftskunde. Nicht dabei sind Fächer wie Chemie und Physik. „Ich glaube, ich besuche das Profil, das am häufigsten gewählt wird. Alle wollen Chemie abwählen und lieber Psychologie machen“. Doch es geht auch anders: „Wir hatten einen einzigen Schüler an der Schule, der das ‚Handwerk für Orthopädie‘-Programm besucht hat. Da hat man dann extra Fächer, in denen man lernt, wie man gesundheitsfördernde Schuhe herstellt. Und eine Freundin von mir besucht das ‚Hausbau-Programm‘. Was man da macht, sagt ja schon der Name.“

Åsas Aufenthalt hier in Deutschland wird durch ein Stipendium der schwedischen Regierung finanziert. Schüler, die von Deutschland aus ein Auslandsjahr machen wollen, müssen einen anderen Weg gehen: Sie können sich aber an eine von 38 Organisationen wie zum Beispiel das Youth For Understanding Komitee wenden, das jedes Jahr ungefähr 1.200 deutschen Schülern ein Auslandsjahr in einem von über 40 Ländern vermittelt.

Foto: Klaus Gigga

Gast

Weiterblättern >>

Nach der Schule:

Nachmittags geht Åsa zum Flötenunterricht, danach zur Fahrschule – die ist nämlich in Deutschland wesentlich billiger als in Schweden –, dann zum Tanzen. Das straffe Programm hat sie sich selbst auferlegt. Schließlich will sie sich integrieren in die deutsche Kultur, die ihr jetzt schon viel weniger fremd scheint als vor ein paar Monaten. Åsa lernt Deutsch seit der sechsten Klasse, aber ihre Sprachkenntnisse sind dem Niveau einer zweiten Fremdsprache aus dem Schulunterricht weit überlegen.

Foto: Klaus Gigga

Gast

Weiterblättern >>

Abends:

Wir sitzen am Tisch, alle zusammen. Es gibt Spaghetti, für uns mit Fleisch, für Åsa mit Tofu. "Ich bin wirklich froh, dass wir abends warm essen und nicht das typisch deutsche Abendbrot. In Schweden isst man abends eine richtige Mahlzeit und redet viel miteinander über alles. Und man macht auch viel mehr zusammen als Familie, ohne dass sich jemand dazu gezwungen fühlt."


Aber beschweren will Åsa sich nicht: "Ich möchte niemandem Probleme oder Umstände bereiten. Das wäre mir unangenehm. Ich bin ja nur als Gast hier." Obwohl das eigentlich stimmt, fühlt das Wort "Gast" sich falsch an. Von unseren Mitschülern wird Åsa nicht als Austauschschülerin wahrgenommen, sondern einfach als Neue, die seit ihrer Ankunft ganz natürlich mit dazu gehört. Ähnlich ist auch bei uns zu Hause. Meine anfänglichen Unsicherheiten ob der ungewohnten Situation (Kann ich hier überhaupt noch im Schlafanzug frühstücken oder ist ihr das unangenehm? Soll ich ihr Nutella oder eher den Käse raus stellen? Ob es sie stört, wenn ich jetzt Musik anmache?) haben sich von selbst gelöst. Als wäre es nie anders gewesen, komme ich morgens im Schlafanzug in die Küche, stelle Åsa weder Nutella noch Käse, sondern die Cornflakes raus und mache das Radio an. Alles ist irgendwie selbstverständlich, die Umstellungen sind Alltag geworden. Doch es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis wieder alles anders wird. Dann ist Åsa plötzlich wieder weg, ihr Zimmer wieder meins, der vierte Platz am Tisch leer.


Was bleiben wird, sind ein schwedisches Kochbuch, ein tiefer Eindruck bei jedem von uns und folgende Erkenntnis: Obwohl heutzutage Menschen auf der ganzen Welt die gleichen Modemarken tragen, die gleichen Filme sehen und die gleiche Musik hören, sind zwei unterschiedliche Kulturen eben immer noch unterschiedlich. Jede für sich aufregend und interessant und manchmal ein bisschen seltsam. Und genauso war auch dieses Jahr. Für Åsa und für mich. Wir hatten beide die Möglichkeit, nicht nur über andere Menschen und Kulturen, sondern auch über uns selbst und unsere Art zu leben nachzudenken. Und dabei haben wir bestimmt mehr gelernt als in vielen, vielen Schulstunden.


Foto: Klaus Gigga


Thomas Sattelberger, der Personalvorstand der Telekom, war als Austauschschüler in den USA. Wie ihn das geprägt hat, erzählt er im reif-Interview.

Gast

Weiterblättern >>

Weitere Beiträge

Holger-Kalender gewinnen

reif verlost 10 Holger-Kalender.

Neu starten

Für Ausbildung, Studium oder Job in eine fremde Stadt ziehen - fünf Leute erzählen, wie das für sie war.