Fünf Jahre 

viele, viele, viele Facebooknachrichten

Eine Liebe

Sieben Euro, fünf Jahre und zwei Menschen

„Look, mi amore“, sagt Paulina und legt Chris ein kleines Schächtelchen auf den Tisch. Die Mexikanerin und der Berliner sitzen in einer Spielekneipe mit Freunden zusammen. Chris holt zwei Ringe aus der Schachtel und sagt in die Runde: „Wir heiraten im Februar in Mexiko.“ Dass Chris und Paulina einmal heiraten, hätte keiner gedacht. Am wenigsten sie selbst. Denn die beiden brauchten ewig, um zusammen zu kommen. Ohne Internet wäre es am Ende nie was geworden. Im Winter 2011 ging Chris nach London, um dort sein Auslandssemester zu machen. Um Anschluss zu finden, schaute er auf der Plattform Couchsurfing nach Menschen, mit denen er sich anfreunden konnte. Schon seit Jahren war Chris Mitglied. „Eine (mittlerweile) gemeinsame, sehr gute Freundin stellte bei Couchsurfing ein offenes Treffen für einen Museumsbesuch im British Tate ein“, erinnert er sich. Wer kommen wollte, war herzlich eingeladen. So trafen sich Chris und Paulina das erste Mal. „Wir mochten uns beide von Anfang an sehr und es war dieses Prickeln in der Luft“, erzählt die Mexikanerin, die ebenfalls für ein Auslandssemester nach England gekommen war.

Obwohl sich der große Deutsche und die kleine Mexikanerin mehrmals die Woche sahen, wurde aus dem Prickeln nicht mehr. Keiner wagte den ersten Schritt. In London genossen beide ihr Studentenleben. Zusammen kochten sie, gingen aus und tauchten mehr und mehr in den englischen Alltag ein. Beide hatten andere Beziehungen und heulten sich gegenseitig die Ohren voll, wie falsch die jeweiligen Partner seien. „Wir waren immer gute Freunde und es lag weiterhin dieses gewisse Etwas in der Luft“, erinnert sich Chris lachend. Das ging so zwei Jahre. Als Paulina Januar 2013 zurück nach Cancún flog, waren die beiden immer noch nicht zusammen. Aber es stand fest: „Wir werden auf jeden Fall in Kontakt bleiben, so wie man mit guten Freunden, mit denen man sehr gerne Zeit verbringt, in Kontakt bleiben möchte“, erklärt Paulina.

Also haben sie regelmäßig geskypt und eines Tages....: „..bin ich dann über meinen Schatten gesprungen und hab Pauli gesagt, dass ich plane Ende 2013 nach Cancún zu kommen“, sagt Chris. „Ich hatte mir einfach gedacht, ich will mir später nicht durch den Kopf gehen lassen: "Was wäre gewesen wenn?!“, erklärt Chris seinen Entschluss, zu Paulina zu fliegen. „Daher wolle ich es einfach wagen, denn im schlimmsten Fall wäre ich für ein paar Wochen in Mexiko gewesen. Es gibt sicher Schlimmeres.“ Allerdings sagte er Paulina damals, dass er nur wegen seines Doktors nach Mexiko käme. Es hat ganz schön gedauert bis sich beide getraut haben zuzugeben, dass Chris nicht für die prallen akademischen Karrierechancen nach Cancún ziehen wollte. „Über dieses Einverständnis hat sich gewissermaßen erst aus der Ferne eine Beziehung entwickelt, in der wir monatelang fast täglich Skype-Kontakt hielten“, so Paulina. Am Anfang fanden es beide komisch, sich als Paar zu betrachten. Da sie so lange schon Freunde waren und der Beziehungsstart online anfing und nicht mit einem Kuss vor der Haustür, änderte sich erst einmal nicht viel für beide. Bilder aus ihrem Alltag hatten sie sich schon als Freunde geschickt. Nur die Facebook-Posts änderten sich ein wenig. Der eine oder andere Kuss-Smiley oder „Ich vermisse Dich“ wurden jetzt öffentlich für alle geteilt. Je näher Chris´Ankommen rückte, desto mehr stieg die Aufregung und Vorfreude. Paulinas Familie hat in Cancun ein zweites kleines Haus – in das sollte Chris´erst einmal ziehen. Paulina wollte weiter bei ihren Eltern wohnen. Langsam wollten sie es angehen und einfach alles auf sich zukommen lassen. Als Chris dann aber da war, zogen beide recht schnell zusammen in das Haus. Chris arbeitet jetzt als Englischlehrer und Paulina in einer Marketingfirma. Wo sie einmal leben wollen, wissen sie nicht genau. Mexiko wird es nicht für immer werden. Chris´möchte gerne 2017 zurück nach Berlin. Vielleicht wird es aber auch London. „Auf jeden Fall werden unsere Kinder drei Sprachen sprechen“, sagt Chris. „Spanisch mit der Mutter, Deutsch mit dem Vater und Englisch, wenn alle zusammen sind.“ Das sind schon die einzigen kulturellen Unterschiede, die für beide bemerkbar sind. Da Paulina aus einer unorthodoxen Künstlerfamilie kommt, ist sie nicht typisch traditionell mexikanisch eingestellt. Die Problemchen und Reibereien, die es hier und da gibt, sind eher persönlicher als kultureller Natur. Beispiele: Abwasch, Ordnung und Kommunikationsstile. Also Dinge, die man auch aus intrakulturellen Beziehungen gut kennt. 

„Ohne Internet und Co hätten wir uns gar nicht erst kennengelernt“, meint Chris. „Und ohne diese Kommunikationsmedien hätten wir voraussichtlich auch den Kontakt 2013 verloren und wären gar nicht erst zusammengekommen.“ Er schaut sich die Ringe an, die Paulina ihm hingelegt hat. „Wie viel haben die denn gekostet?“, fragt er skeptisch. Paulina lacht. „Seven euros, mi amore“, sagt sie. Und fügt weiter auf Englisch hinzu: „Die habe ich auf einem Flohmarkt gefunden und sie haben mir gefallen.“